72. Affentanz
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72. Affentanz

Affentanz

(Die Ebene der Sechs Türme)

von Winfried Brand

Es dämmerte bereits, als sie im tiefen Dschungel von Tandia endlich einen geeigneten Platz fanden, wo sie ihr Lager aufschlagen konnten.

Müde ließ sich Jago auf einen Moos bewachsenen Felsen sinken, zog seine Schuhe aus und begann, seine Füße zu massieren,

die er nach dem langen Marsch dieses Tages kaum noch spüren konnte.

Das war einer der Nachteile, einen berühmten Wissenschaftler zum Vater zu haben.Zuhause in Oststadt war ja alles ganz wunderbar; dort genoß er es regelrecht, von den anderen Jugendlichen bewundert zu werden,

wenn er wieder einmal von all den Abenteuern erzählte, die er mit seinem Vater auf dessen Forschungsreisen erlebt hatte.

Und irgendwie klangen die Geschichten auch viel aufregender, wenn sie aus seinem Mund kamen.

Doch die Wahrheit war eigentlich ziemlich ernüchternd.

Keine wilden Tiere, vor denen er die Expedition retten mußte; noch nicht einmal die legendären Menschen fressenden Affen hatten sie bisher zu Gesicht bekommen,

und es war auch keine seiner verwegenen Heldentaten vonnöten, die er seinen Freunden immer wieder erzählte. Leise betete er, daß sie die sagenumwobene Stadt Ankia bald finden würden, so wie es ihnen ihr Führer Devos versprochen hatte,

denn dann würde dieses ewige Herumgelaufe endlich ein Ende haben.Aber inzwischen zweifelte er am Wahrheitsgehalt der Worte des Führers, der sie in diesen Urwald gelockt hatte.

Angeblich hatte er die Stadt gesehen, war sogar in ihr gewesen.

So jedenfalls hatte er erzählt, als er vor fast zwei Monaten halb verhungert und verdurstet in Oststadt bei Jagos Vater an die Tür geklopft hatte.

Sein Vater war natürlich sofort begeistert von der Aussicht, die legendäre Stadt Ankia zu finden und gründlich zu untersuchen,

so daß er nichts eiligeres zu tun hatte, als schnellstens eine Expedition auszurüsten, um auf die Suche nach der Stadt zu gehen.

Jago würde es nicht wundern, wenn sich herausstellen würde, daß ihr Führer gar keine Ahnung hatte, wo die Stadt zu finden war;

daß er diese Geschichte nur erfunden hatte, um bei Jagos Vater für ein paar Tage Unterschlupf zu finden.Jago warf einen kurzen Blick hinüber zu Devos, der auch nicht gerade glücklich zu sein schien.

Seine dunkle Miene sprach Bände, während er zusammen mit den Trägern, die Jagos Vater für diese Expedition angeheuert hatte,

den Platz für die Nacht herrichtete.

Während Jago weiter seine wunden Füße massierte,schweiften seine Gedanken immer weiter ab.

*

Seit mehr als sieben Jahren begleitete er seinen Vater nun schon auf dessen Expeditionen.

Früher war das alles anders gewesen, war sein Vater allein losgezogen.

Doch dann passierte das mit seiner Mutter.

Sie wurde krank, als sein Vater wieder einmal unterwegs war, und keiner wußte, um was für eine Krankheit es sich handelte.

Als er endlich wieder heimkehrte, wurde er mit der Nachricht empfangen, daß seine Frau am Fleckenfieber gestorben war,

einer Krankheit, die durchaus heilbar war, wenn man sie rechtzeitig erkannte.

Jagos Vater schwor sich, daß er nie wieder einen Menschen verlieren sollte, weil er nicht anwesend war.

Statt jetzt jedoch auf die Expeditionen zu verzichten, nahm er seinen damals 8jährigen Sohn mit -

eine Tradition, die er bis heute beibehalten hatte und auf die Jago inzwischen eigentlich ganz gut verzichten konnte.

Schließlich hatte er inzwischen genügend Stoff für seine Erzählungen zusammen und war es satt, sich dauernd die Füße wund zu laufen.

**

Er schreckte aus seinen Gedanken hoch, als er eine Berührung an seiner rechten Schulter spürte.

Der Geruch von gebratenem Fleisch stieg in seine Nase.

" Komm, Sohn. Es wird Zeit zu essen. " hörte er seinen Vater, der sich bereits wieder dem Lager zuwandte.

Jago mußte eine ganze Weile in Gedanken versunken sein,denn an seinem Vater vorbei sah er bereits die fertigen Unterstände für die Nacht,

und mitten zwischen ihnen drehte ein Träger den ersten der drei großen Vögel, die sie im Laufe des heutigen Tages hatten erlegen können,

über dem Feuer.

Wenigstens gab es heute etwas Ordentliches zu essen - und nicht nur die Wurzeln, die sie die letzten drei Tage bekommen hatten.

Sein Vater hätte ruhig noch den einen oder anderen Jäger auf die Expedition mitnehmen können, dann hätten sie wesentlich mehr Fleisch zu essen bekommen, dachte Jago,

während er seine Schuhe wieder anzog und zum Lager hinüberschlenderte.

Weder er noch einer der anderen Expeditionsteilnehmer bemerkte das Augenpaar, welches sie aus dem Dikkicht, das die Lichtung umgab, noch eine ganze Zeitlang beobachtete.

**

Am nächsten Morgen machten sie sich bereits früh wieder auf den Weg, obwohl auch Jagos Vater inzwischen die Geschichte ihres Führers anzuzweifeln begann,

wie Jago vermutete.

Kurz bevor er am letzten Abend eingeschlafen war, hatte er noch mitbekommen, wie sich sein Vater mit ihrem Führer unterhielt,

zwar leise, aber doch unüberhörbar in einem zornigen Tonfall.

Jagos Meinung nach waren diese Zweifel längst überfällig, aber wenn sich sein Vater einmal in seinen Forschungsdrang hineingesteigert hatte, hielt ihn so schnell nichts mehr auf.

Jagos Füße hatten in dieser Nacht wohl zu wenig Zeit gehabt, sich richtig zu erholen, denn bereits nach weniger als drei Stunden begannen sie wieder heftig zu schmerzen.

" Verdammter Tag/Nacht/Rhythmus ", dachte Jago, der sich nichts sehnlicher gewünscht hätte als eine längere Nacht.

Doch diese war erst am Abend des heutigen Tages wieder zu erwarten.

Diese Expedition war aber auch eine ziemliche Zumutung, fand Jago.

Er setzte sich auf eine Baumwurzel am Rand des Weges, den die Gruppe förmlich aus dem Urwald geschnitten hatte, und ließ die anderen erst einmal an sich vorbeiziehen.

Er mußte einfach ein wenig ausruhen, und wenn es nur fünf Minuten waren.

Die Gruppe würde er schon wieder einholen, und verlaufen konnte er sich auch nicht.

Der von ihnen geschaffene Weg war schließlich der einzig gangbare Teil in diesem Urwald.

Jagos Vater nickte ihm noch zu, als er an ihm vorbeiwanderte, zuckte dann mit den Schultern und verschwand im dichten Unterholz.Kurz nachdem die Gruppe außer Sicht war, fühlte sich Jago schon wieder besser.

Vielleicht hatte er die Einsamkeit auch einfach mal gebraucht.

Drei Wochen nur in Begleitung der Expedition konnten einem schon auf den Geist gehen.

Er sehnte sich zurück nach Oststadt und seinen Freunden.

lötzlich schien es ihm, als ob sich die Baumwurzel, auf der er saß, bewegen würde.

Vor Schreck erstarrte er förmlich, was sein Fehler gewesen war.

Die Wurzel rutschte nach hinten, und während sie ihn mitriß, bemerkte er, daß das Gebüsch hinter seinem Rücken nur wenige Zentimeter dick war.

Danach ging es einen steilen Abhang hinunter.

Auch saß er nicht, wie vermutet, auf einer Wurzel, sondern auf einem abgestorbenen Ast, der sich an beiden Enden ein bißchen in den Waldboden gegraben hatte.

Dieser Ast hatte durch das Gewicht des Jungen seinen Halt verloren und rutschte nun unaufhaltsam den Abhang hinunter - und Jago mit ihm.

Das letzte, was er wahrnahm, war ein pelzbedeckter Kopf, der ihm durch das Gebüsch am oberen Ende des Abhangs nachsah,dann wurde ihm schwarz vor Augen.

***

Sein ganzer Körper schmerzte, als er erwachte.

Und noch etwas anderes spürte er.

Es war, als ob sein Körper von irgendjemandem von oben bis unten abgetastet würde.

" Salemon sei Dank, sie haben mich gefunden ", dachte er, dann schlug er unter lautem Stöhnen die Augen auf.

" Mir geht es..."., fing er an, doch dann verstummte er.

Nicht etwa sein Vater oder einer der anderen Expeditionsteilnehmer hatte sich über ihn gebeugt, sondern ein großer Affe, der fast menschlich aussah.

Mit einem leisen Schrei sank er zurück in die Ohnmacht.

****

Als er das nächste Mal erwachte, bemerkte er etwas Kühles auf seinen Beinen.

Vorsichtig schlug er die Augen wieder auf.

Diesmal war er nicht mehr überrascht, den Affen zu erblicken, der wenige Meter neben ihm auf dem Boden des Urwaldes saßund auf irgendwelchen Blättern herumkaute.

Vorsichtig versuchte Jago, sich zu bewegen.

Seine Beine schmerzten zwar noch immer, aber er schien sich glücklicherweise nichts gebrochen zu haben.

Vielleicht konnte er fliehen, ohne daß der Affe ihn bemerken würde; denn er zweifelte nicht daran, einen der Menschen fressenden Affen vor sich zu haben,

die hier im Urwald ihr Unwesen treiben sollten, von denen sie bisher jedoch noch nichts gesehen hatten.

Als er sich vorsichtig auf die Seite rollte, konnte er jedoch ein leises Stöhnen nicht unterdrücken.

Der Affe sah ruckartig auf und kam dann zu ihm herüber.

Er griff nach Jagos Beinen, die dieser in einer Reflexreaktion zur Seite zog.

Der Affe war jedoch schneller.

Mit seinen Händen hielt er Jagos Beine wie in einem Schraubstock.

" Soviel also zu deinem Fluchtversuch. Schöner Held bist du..."., verspottete sich Jago in seinen Gedanken selbst.

Dann sah er sich den Affen genauer an.

Eigentlich sah er ja recht friedlich aus, nur das Gefühl des harten Griffs um seine Beine und der grünliche Saft,

der dem Affen aus den Mundwinkeln lief, gaben ihm ein Furcht erregendes Aussehen.

Als könnte ihn Jagos Fluchtversuch nicht aus der Ruhe bringen, kaute der Affe in aller Seelenruhe weiter auf den seltsamen Blättern herum.

Jago beschloß, sich still zu verhalten und später eine neue Fluchtchance besser zu nutzen, die sich sicherlich bieten würde.

Schließlich schien der Affe das Kauen leid zu sein, denn er griff mit einer Hand nach seinem Mund und holte die Blätter daraus hervor.

Völlig überraschend für Jago klatschte er den grünlichen Brei jedoch auf Jagos Unterschenkel und verrieb ihn dort.

Starr vor Schreck wagte es Jago nicht, sich weiter zu bewegen.

Erst jetzt entdeckte er, daß sein anderer Unterschenkel ebenfalls von einer grünlichen Paste bedeckt war.

Das war also das feuchtkühle Gefühl auf seinen Beinen gewesen.

Aber was, um Salemons Willen, machte der Affe denn eigentlich mit ihm?

" Ich heile deine Beine, was glaubst du denn? ",erklang eine Stimme in Jagos Kopf.

Jago vergaß vor Schreck sogar fast das Atmen.

Was war das für ein Zauber?

" Kein Zauber. Das ist nur meine Art, mich zu unterhalten.."

Die Stimme in seinem Kopf schien amüsiert zu sein.

" Wer... wer bist du? " fragte Jago laut, froh, wenigstens ein Geräusch zu hören, das nicht zu dem ewigen Rauschen des Urwaldes gehörte.

" Kannst du dir das nicht denken? "

Fast schien es Jago, als ob die Stimme in seinem Kopf sich über ihn lustig machte.

Dann riß ein fremdes Geräusch ihn aus seiner Konzentration.

Der Affe schien zu lachen.

Jedenfalls konnte man die Geräusche, die er von sich gab, als solches interpretieren - mit viel Phantasie zumindest.

Auch konnten die verzogenen Mundwinkel nicht etwa auf eine grimmige Gesinnung hindeuten, wie man vermuten könnte,

sondern vielmehr auch das äffische Gegenstück eines Grinsens sein. Jago kannte sich in der Mimik der Affen nicht allzugut aus, was ihn jedoch nicht daran hinderte,

erst einmal erstaunt zu schauen und dann ebenfalls breit vor sich hin zu grinsen.

" Dir gehört die Stimme in meinem Kopf, nicht wahr? " redete er auf den Affen ein.

" Gut erkannt.."

" Wieso hilfst du mir eigentlich? "

" Hm, ich weiß auch nicht so recht.Ich habe eure Gruppe schon eine Weile beobachtet, das ist interessanter als mit den anderen zu spielen.

Denen fallen sowieso keine neuen Spiele mehr ein, und immer das gleiche...

Na ja, jedenfalls wart ihr eine Abwechslung für mich.

Und als ich dann gesehen habe, wie du hier runtergerutscht und liegen geblieben bist... Ich rutsche hier ja auch öfter runter,

ist ein schönes Spiel, aber du hast das wohl eher unfreiwillig gemacht,

und dann kann man sich schließlich verletzen...."

Jago begriff langsam, daß er wohl eher ein Affenkind vor sich hatte.

Wie groß würde es eigentlich noch werden, wenn es einmal erwachsen wäre?

Schon jetzt war das Affenkind fast so groß wie er selbst...

" Danke ", stammelte er, immer noch überrascht von der unvermuteten Mitteilsamkeit des Affen.

" Aber gern geschehen. Meine Mutter hat mir gezeigt, wie man kleine Wunden behandeln kann.

Und deshalb hab ich das bei dir auch gemacht.."

" Wie kommt es eigentlich, daß du reden kannst - oder wie man das auch nennen will, wenn deine Stimme in meinem Kopf erscheint? "

Jago spürte, schon als er diese Worte aussprach, daß er einen Fehler gemacht hatte.Das Affenkind wich mit einem Satz von ihm zurück, das Grinsen war aus seinem Gesicht verschwunden.

" Oh je, jetzt habe ich doch glatt das wichtigste vergessen, was mir mein Vater gesagt hat."

" Und was ist das? "

Immer noch war Jagos Stimme die einzige, die die natürliche Geräuschkulisse des Urwaldes durchdrang.

Der Affe gab nur ab und zu ein leises Grunzen von sich, doch seine Stimme erklang in Jagos Kopf so klar, als ob er laut sprechen würde.

" Sprich nie mit Menschen. "

" Oh ", machte Jago.

Er begann zu verstehen.

Die Affen wollten nichts mit ihrer Nahrung zu tun haben.

Aber dieses Affenkind schien doch eigentlich freundlich zu sein.

Wieso hatte es ihm geholfen?

" Nein, du verstehst überhaupt nichts. " vernahm er wieder die Stimme in seinem Kopf.

Konnte der Affe etwa seine Gedanken erkennen?

" So in etwa. Wenn du richtig fest an etwas denkst, kann ich erkennen, was es ist."

Na, das war ja eine nette Überraschung.

" Na, jetzt ist es ja eigentlich egal. Du weißt es ja sowieso schon. Auch wenn es meinem Vater gar nicht gefallen wird.

Du darfst ihm auf keinen Fall etwas davon erzählen, sonst wird er böse."

" Keine Angst, ich kann schweigen wie ein Grab."

Jago kam kurz der Gedanke, daß diese Redewendung gar nicht mal so falsch sein könnte, wenn der Vater oder einer der anderen Affen herausfinden würde,

daß er das Geheimnis ihrer Art kannte.

Sollte er nicht wirklich schweigen, konnte es durchaus dazu kommen, daß er für immer schweigen würde. Schließlich waren diese Affen ja Menschenfresser, auch wenn er das jetzt nicht mehr so ganz glauben konnte.

*****

Dann sprach wieder die Stimme des Affenkindes in seinem Kopf:

" Komm mit, ich zeig dir was..."

Der Affe winkte Jago zu, ihm zu folgen.

Verwundert stellte Jago fest, daß er fast keine Schmerzen mehr in seinen Beinen hatte.

Selbst seine wunden Füße schienen geheilt zu sein.

Dieses grünliche Zeug schien Wunder zu wirken.

Vorsichtig folgte er dem Affen, der stets ein paar Meter vor ihm ging, gerade so weit, daß er ihn durch das dichte Unterholz noch erkennen konnte.

Nach vielleicht einer Viertelstunde hielt der Affe abrupt inne.

Er bedeutete Jago, jetzt ganz leise zu sein,dann schlich er behutsam weiter bis zu einer undurchdringlich erscheinenden Wand aus Gestrüpp,

wo er sich niederließ.

Jago versuchte, jedes Geräusch zu vermeiden, als er sich an die Seite des Affen begab.

Vorsichtig schob der Affe ein paar Zweige auseinander.

Jago erkannte erstaunt, daß sich sein Freund, so glaubte er den Affen inzwischen bezeichnen zu können, hier eine Art Versteck geschaffen hatte,

wo er wohl des öfteren saß und irgendetwas beobachtete.

Neugierig blickte Jago durch die entstandene Öffnung und konnte nur mit Mühe einen Ausruf des Erstaunens unterdrücken.

*****

Er blickte direkt auf die Gemäuer einer uralten Stadt.

Teilweise schien sie zerfallen und vom Urwald zurückerobert zu sein, doch war sie alles in allem in einem erstaunlich guten Zustand.

Dies mußte Ankia sein, die Stadt, nach der sein Vater die ganze Zeit gesucht hatte.

Dann konnte er einen Laut des Erstaunens doch nicht unterdrücken, als er einiger Affen gewahr wurde, die sich durch die teilweise zerfallenen Straßen der Stadt bewegten.

Die Affen mußten zur Art seines Freundes gehören, nur waren sie größer, ein ganzes Stück größer als das Affenkind neben ihm.

Und die Affen gingen aufrecht, ganz so wie Menschen.

Seinen Vater hätte das sicherlich sehr interessiert.

Genau nach so etwas suchte er schon seit Jahren:

Den Beweis, daß Menschen und Affen irgendwie verwandt miteinander waren.

Seine Kollegen hatten ihn immer wieder ausgelacht, wenn er auf diese Theorie zu sprechen kam, doch er hatte nicht aufgegeben.

Daß sie ihn überhaupt noch ernstnahmen, hatte er nur seinen anderen Forschungen zu verdanken - und der Tatsache,

daß er von seiner speziellen Theorie nur noch sehr selten sprach.

Das hier würde seinen Vater sicherlich begeistern.

Als Jago genauer hinsah, konnte er erkennen, daß die Affen noch menschenähnlicher schienen, als er auf den ersten Blick glaubte.

Ihr Fell war nicht so dicht wie bei den anderen Affenarten, die er bisher zu sehen bekommen hatte.

Was sie jedoch fast auf unheimliche Art menschenähnlich machte, war die Art, wie sie ihre Hände gebrauchten.

Staunend sah Jago zu, wie einer der Affen mit Hilfe von einigen Werkzeugen den Eingang eines der Häuser zu reparieren schien.

Wenn das doch nur sein Vater sehen könnte.

Staunend beobachtete er weiter,als er plötzlich zurückgerissen wurde.

" He", beschwerte er sich in der Annahme, daß er seinen Affenfreund vor sich hatte,

doch dann erkannte er die Gestalt hinter sich. Es war einer der ausgewachsenen Affen, der nun in drohender Gebärde über ihm stand.

Der Affe holte zu einem Schlag aus,als ihm das Affenkind in den Arm fiel.

" Laß ihn, er ist mein Freund! " erklang die inzwischen vertraute Stimme des Kindes in seinen Gedanken.

Der ältere Affe hielt inne.

Dann packte er entschlossen nach dem Affenkind und Jago.

Mit unbarmherzigem Griff zerrte er die beiden aus dem dichten Unterholz ins Freie auf die Stadt zu.

Die anderen Affen sahen erstaunt auf, als sie den freien Platz betraten.

Eine Sekunde lang schien der Dschungel den Atem anzuhalten, dann brach die Hölle los.

******

Die Affen rannten aufgescheucht durcheinander, und es dauerte Minuten, bis sie sich wieder beruhigt hatten.

Schließlich kam einer der Affen auf sie zu.

Das Affenkind neben Jago schien sich wie in Schmerzen zu winden;dann erklang wieder die bekannte Stimme in Jagos Kopf,diesmal jedoch schien sie dem Weinen nah zu sein.

" Vater, bitte sprich auch zu ihm. Er hat ein Recht darauf, dich auch zu hören."

Jago begriff zuerst nicht, doch dann erklang eine andere, zornige Stimme in seinen Gedanken.

" .Was hast du nur getan, Tela?Du weißt doch, daß kein Mensch von uns wissen darf. "

Tela?

Jago glaubte, sich verhört zu haben.

Oder war dies Affenkind neben ihm wirklich ein Mädchen?

" Aber Vater, er hatte sich verletzt, und ich wollte ihm doch nur helfen. Außerdem ist er wirklich nett...."

" Na, das werden wir ja sehen. Du weißt doch, wie die Gesetze lauten? "

" Ja, Vater."

Die Stimme Telas schien gedrückt.

Jago wurde zornig.

" Aber ich weiß es nicht. Würde mir vielleicht jemand erklären, um was es hier eigentlich geht? "

" Na gut ", erklang die Stimme von Telas Vater in seinem Kopf.

" Du hast ein Recht darauf, es zu erfahren. Außerdem wirst du es sowieso nicht weitererzählen können.."

" Was soll das denn heißen? "

" Alles zu seiner Zeit. Kommt erst mal mit. "

Telas Vater gab dem Affen, der die beiden hielt, einen Wink, sie loszulassen.

Dann bedeutete er ihnen, ihm zu folgen.

Kurze Zeit später saßen sie zusammen an einem Tisch in einem der Häuser der Stadt.

Jago kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Alles wirkte zwar ein wenig primitiv, aber irgendwie... menschlich.

" Ja, du hast gar nicht mal so unrecht. Aber setz dich erstmal."

Die Stimme von Telas Vater war ruhiger geworden.

Fast schien es Jago, als könne er eine Spur von Mitleid aus ihr herauslesen, aber sicher war er sich nicht.

*******

Nachdem sie sich an den roh zusammen gezimmerten Tisch gesetzt hatten, erzählte Telas Vater:

" Es ist schon lange her, Jahrhunderte, da lebten unsere Vorfahren mitten unter den Menschen.

Ja, sie waren sogar Menschen wie du.

Doch irgendwie waren sie auch anders.

Sie hatten die Gabe, ihre Stimme durch die Geister der anderen Menschen wandern zu lassen.

Diese Gabe machte sie zu etwas Besonderem, doch die anderen Menschen fürchteten sich vor ihnen und wollten sie töten, sobald sie einen von unseren Vorfahren erkannten.

Es gelang dreizehn von ihnen, sich in den Urwald zu flüchten, wo sie vor den Menschen sicher waren.

Hier fanden sie ein neues Zuhause, ohne Furcht und Neid.

Denn der Neid war es gewesen , der die anderen Menschen dazu trieb, unsere Vorfahren zu fürchten.

Irgendwann fanden sie schließlich diese Stadt, und sie machten sich daran, sie in Teilen wieder bewohnbar zu machen.

Während all der Jahrhunderte jedoch haben wir uns an unsere Umgebung angepaßt, uns weiterentwickelt,

bis wir schließlich immer weniger wie Menschen aussahen.

Und unsere Gesetze verbieten uns, uns mit Menschen einzulassen.

Sollten die Menschen von uns erfahren, werden sie die Jagd wieder aufnehmen und uns diesmal endgültig vernichten.

Deshalb darf niemals ein Mensch von unserem Geheimnis erfahren.

Und wenn doch einer davon erfährt, darf er uns nie wieder verlassen.

Wir werden also auch dir nicht erlauben können, wieder zu den Deinen zurückzukehren.."

" Aber ich dachte, ihr seid Menschenfresser..."

" Ja ", erklang die Stimme von neuem in Jagos Kopf.

" In diesem Urwald gibt es viele dieser Menschen fressenden Affen, und auch wir müssen uns vor ihnen in Acht nehmen.

Doch wir können sie uns vom Leib halten.

Außerdem legen wir großen Wert darauf, mit ihnen verwechselt zu werden, denn dies hält uns die neugierigen Menschen vom Hals.

Eigentlich sind wir über diese Affen sehr froh, auch wenn sie manchmal zum Problem werden.

Aber keine Angst, wir werden dich jedenfalls nicht auffressen.

Vielleicht wirst du dir jedoch irgendwann einmal wünschen, daß wir es doch tun würden."

Telas Vater gab dem Affen, der den Eingang des Hauses bewachte, einen Wink.

Er kam näher und griff nach Jago.

" Wir werden dich jetzt erst einmal einsperren müssen. Wenn du irgendetwas benötigen solltest, kannst du ja nach uns rufen.Schließlich sind wir ja keine Unmenschen..."

Jago wußte, daß Gegenwehr zu diesem Zeitpunkt nichts bringen würde, und so ließ er sich widerstandslos abführen.

********

Der Affe brachte ihn zu einem Haus, das außergewöhnlich gut erhalten war.

Nirgendwo waren Spuren von Verfall zu sehen, die Mauern schienen sehr stabil zu sein, und auch die Tür, durch die er ins Innere gebracht wurde, war alles andere als morsch.

Er hörte, wie die Tür hinter ihm geschlossen wurde; dann wurde ein Riegel vorgelegt.

Als er sich in dem kleinen Raum umsah, in dem er nun gefangen war und in dem er wohl den Rest seines Lebens verbringen sollte,wenn es nach dem Willen der Affenmenschen ging,

stellte er fest, daß er wenigstenseinigermaßen gemütlich eingerichtet war.

Lediglich die Gitter vor den Fenstern gefielen ihm nicht so besonders, was kein Wunder war, denn noch hatte er die Hoffnung, fliehen zu können, nicht aufgegeben. Die Affen würden es nicht schaffen, ihn hier zu behalten.

Schließlich hatte er sich schon oft aus ausweglosen Situationen befreien können.

Während dieser Gedanken kam ihm gar nicht richtig zu Bewußtsein, daß diese Rettungsaktionen eigentlich nur in seiner Phantasie stattgefunden hatten, in den Geschichten, die er seinen Freunden in Oststadt erzählt hatte.In diesem Moment glaubte er daran,daß er sie wirklich erlebt hatte.

Und er wußte, daß es ihm irgendwie gelingen würde, sich zu befreien.

*********

Wenig später klopfte jemand an die Tür. Dann wurde der Riegel zurückgeschoben, und Tela kam herein.

" Es tut mir leid, das wollte ich nicht.", erklang ihre Stimme in seinem Kopf.

" Ist schon gut."

" Weißt du, ich kann dich richtig gut leiden,und ich hoffe, daß ich meinen Vater vielleicht irgendwann überreden kann,

dich doch gehen zu lassen. Du würdest doch nichts über uns verraten, oder? "

" Nein, natürlich nicht. Schließlich bist du doch meine Freundin."

Jago meinte dies ernst, denn er konnte durchaus die Gefahr sehen, in der die Affenmenschen schwebten,wenn sie von den Menschen entdeckt würden,

ihre Existenz bekannt würde.

Tela schien seinen Gedankengängen gefolgt zu sein, denn sie wurde ruhiger.

Gleichzeitig schien sie einen entschlossenen Gesichtsausdruck aufzusetzen, soweit Jago dies bei ihr erkennen konnte.

" Ich wollte dir eigentlich nur etwas zu essen und trinken bringen. ", sagte Tela

und setzte ihm eine Art Tablett aus Baumrinde auf den Tisch, auf dem eine Schale mit einer dampfenden Flüssigkeit und ein Krug mit Wasser stand; dann verließ sie ihn wieder.

Jago hörte, wie von draußen der schwere Riegel wieder vorgelegt wurde; dann spürte er, daß er tatsächlich Hunger hatte.

Eigentlich kein Wunder, denn er hatte schon seit heute morgen nichts mehr gegessen, was immerhin schon fast zehn Stunden her war.

Draußen begann es schon wieder zu dämmern.

So setzte er sich also an den Tisch, der dem in dem Haus von Telas Vater ähnelte,und begann, seinen Hunger zu stillen.

Die dampfende Flüssigkeit erwies sich als eine sehr schmackhafte und sättigende Suppe, die Jago nur mit Mühe restlos verspeisen konnte.

Nach der reichhaltigen Mahlzeit fühlte er sich schlapp und müde, und so legte er sich auf die Matratze aus Stroh, die er in einer Ecke des Raumes erblickt hatte.

Das war doch schon etwas ganz anderes als der Waldboden, auf dem er die letzten drei Wochen hatte nächtigen müssen.

Kurze Zeit später war er eingeschlafen.

**********

Als er erwachte, war es dunkel. Nur ein schwacher Lichtschein fiel durch eines der Fenster in den Raum.

Zuerst wußte er nicht, was ihn geweckt hatte, doch dann hörte er leise Geräusche von draußen.

Verwundert stand er auf und ging zu dem vergitterten Fenster, das auf eine Art Platz hinausführte.

Erstaunt stieß er den Atem aus, als er erkannte, was dort vor sich ging.

Die Menschenaffen hatten sich um mehrere kleine Feuer herum versammelt, deren Lichtschein kaum ausreichte, die Szenerie wirklich zu erhellen.

Viele der Affenmenschen waren auch jetzt noch von der Dunkelheit mehr oder weniger verschluckt,und er konnte nur erahnen,

daß sie sich wirklich dort befanden, wo er sie vermutete.

Es waren vielleicht an die fünfzig Affenmenschen, die sich hier versammelt hatten, wahrscheinlich die gesamte Bevölkerung der Stadt, wie Jago vermutete.

Und sie schienen irgendetwas zu feiern.

Jedenfalls tanzten einige von ihnen in einem Kreis um eins der Feuer herum,während die anderen dazu im Takt in die Hände klatschten.

Es war ein wahrer Affentanz,den er hier beobachtete. Was die Affen jedoch feierten, entzog sich seinem Vorstellungsvermögen.

Seine Festnahme konnte es ja wohl nicht sein, oder?

Nein, sicherlich nicht, beruhigte er sich.

Diese Affenmenschen waren friedlich und froh,wenn sie mit den Menschen nichts zu tun hatten.

Jago gähnte intensiv und beschloß, sich wieder hinzulegen.

Vielleicht konnte er am nächsten Morgen näheres über dieses seltsame Fest herausfinden.

***********

Es war immer noch dunkel, als er zum zweiten mal aufwachte.

Das Fest schien bereits zu Ende zu sein, denn diesmal war die Dunkelheit fast vollkommen.

Nur das schwache Licht der Sterne ließ ihn einige Umrisse in seiner Umgebung erkennen.

Er zuckte zusammen, als er eine Berührung an einem rechten Arm fühlte.

" Psst ", erklang Telas Stimme in seinem Kopf.

" Versuche, nicht intensiv zu denken, sonst könnten sie vielleicht aufwachen."

" Was..." Jago schlief noch mehr, als daß er wach war.

" Schschscht! " machte Tela,

" Ruhe. "

Dann zog sie ihn vorsichtig auf die sperrangelweit offen stehende Tür zu.

Wenige Minuten später war sie mit ihm in der Dunkelheit des Dschungels verschwunden.

" So, jetzt sind wir weit genug weg. "

" Was machst du eigentlich? "

" Ich will dich befreien, du Dummkopf! "

" Aber dein Vater...."

" Ach, der wird sich schon wieder beruhigen. Ich weiß, daß du uns niemals verraten würdest, auch deinem Vater gegenüber nicht.

Und ich mag dich und möchte nicht mit ansehen,wie du langsam, aber sicher in deinem Gefängnis Tag für Tag ein Stück mehr stirbst."

Jago schwieg.

Es war auch gar nicht nötig, daß er ein Wort sagte, denn Tela konnte schließlich seine Gedanken verstehen.

Schweigend drangen sie Hand in Hand weiter in den Urwald vor.

Schließlich hielt Tela inne.

" Hier müssen sich unsere Wege trennen. Dort vorne ", sie zeigte in die Richtung, in die sie bisher vorgestoßen waren, " liegt das Lager der Leute deines Vaters. Sie suchen dich schon seit gestern Mittag, als sie feststellten, daß du ihnen nicht mehr gefolgt bist. Dein Vater ist sehr in Sorge um dich. "

Jago schwieg noch immer. Er konnte Telas Reaktion immer noch nicht begreifen.

" Dummkopf! " ertönte wieder ihre Stimme, doch klang sie irgendwie liebevoll.

Schließlich verstand Jago, was Tela dazu getrieben hatte, ihn zu befreien.

Er wollte noch etwas sagen, doch da war Tela schon von seiner Seite verschwunden.

" Nein, du brauchst nichts zu sagen, ich weiß es schon. Und ich kann auch nicht mit dir kommen. Die Menschen würden das Geheimnis unseres Volkes erkennen, und das wäre wahrscheinlich unser Untergang."

Jago wollte es zuerst nicht wahrhaben, doch dann sah er ein, daß Tela recht hatte. Sie konnte ihn nicht begleiten.

Schwermütig machte er sich auf in die Richtung, die Tela ihm gewiesen hatte.

***********

Kurz bevor er das Lager erreichte, spürte er noch einmal ihre Hand kurz über seinen Arm streichen.

" Denke an dein Versprechen... Auf Wiedersehen..."., die letzten Worte Telas verklangen leise in seinem Kopf,

dann durchbrach er das letzte Gebüsch, das ihn noch vom Lager seines Vaters getrennt hatte.

Die Morgendämmerung zog bereits auf, als sich die Aufregung im Lager langsam wieder legte.

Sein Vater hatte sich tatsächlich um ihn gesorgt und hatte in seiner Sorge die anderen Männer der Expedition fast verrückt gemacht.

Und so waren auch sie mehr als froh, daß Jago wieder bei ihnen war.

Seinem Vater hatte er einen Teil der Wahrheit erzählt.

Daß er mit dem Baumstamm den Abhang hinuntergerutscht war, danach bewußtlos gewesen und erst vor vielleicht zwei Stunden wieder zu sich gekommen sei.

Er sei den Abhang wieder hinaufgeklettert und hatte schließlich den Weg zum Lager gefunden.

In seiner Freude hatte sein Vater den kleinen Schwachpunkt der Geschichte nicht bemerkt.

Denn die Gruppe hatte den abgerutschten Baumstamm gefunden, jedoch keine Spur von Jago.

Aber das konnte er immer noch damit erklären, daß er etwas weiter gerollt war, unter einen Busch oder so, wenn es denn nötig werden sollte.

Sein Vater hatte sich übrigens entschlossen, die Suche nach der legendären Stadt Ankia aufzugeben.

Er war jetzt davon überzeugt, daß Devos gelogen hatte, als er von ihr erzählte.

Heute würde man sich also auf den Rückweg machen und die Expedition als gescheitert erklären.

Gern hätte Jago seinem Vater erzählt, daß es die Stadt doch gab, daß er sie gesehen hatte, und auch von den Affenmenschen; doch er erinnerte sich an sein Versprechen, das Versprechen, das er sein Lebtag nicht brechen würde.

Und er erinnerte sich an die letzten Worte Telas.

" Auf Wiedersehen. ", hatte sie gesagt.

" Ja, auf Wiedersehen, Tela. Und wir werden uns wieder sehen - irgendwann...."

ENDE © 15.02.96 by Winfried Brand /