74. Das fliegende Schachbrett
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Das fliegende Schachbrett 

(Die Ebene der Sechs Türme)

v. Uwe Vitz

"Es wäre sehr unklug, ihr keine Audienz zu gewähren, oh mein Prinz. " , sagte der Wesir.

Der Emir Zamor sah ihn müde an.

" Muss das denn wirklich sein? Diese Frau macht mich immer so müde; sie ist ja so anstrengend. ", meinte er.

" Es muss sein, mein Prinz. Unsere Beziehungen zu den Sechsbergern sind einfach zu wichtig. Wir dürfen die örtliche Geschäftsführerin daher nicht unnötig verärgern. "

" Ach diese lästigen, kleinen Zwerge! Ständig hecken sie irgendetwas aus, immer berechnen sie irgendwelche Geschäfte oder schreiben merkwürdige Verträge, und

ich soll mich immer mit all dem beschäftigen. Warum? "

" Weil Ihr der Emir seid, mein Prinz. "

" Ja, ja, der Emir muss sich immer um alles kümmern, wie üblich. Meine Wesire sind offenbar nur dazu gut, mich an meine Pflichten zu erinnern,

anstatt mir auch mal ein wenig Arbeit abzunehmen. "

" Ein Herrscher muss eben herrschen, mein Prinz. "

" Schon gut, schon gut. So rufe sie den herein! Ich werde mir alles anhören, wie immer. "

*

" Endlich habe ich es geschafft. ", sagte Zähleschnell Goldzahntochter glücklich.

Der Sechsberger neben ihr sah sie etwa ärgerlich an.

" Endlich haben wir es geschafft. " , berichtigte er scharf.

" Natürlich, Eselohr, wir haben es geschafft. "

Eselohr Wasserträgersohn seufzte innerlich auf, er wusste, dass seine Geschäftsführerin am Ende den ganzen Ruhm- und natürlich auch den Gewinn - in die eigene Tasche stecken würde.

Ja, ja, das Leben des einfachen Sechsbergers war nicht leicht.

Diese Geschäftsführer nahmen sich doch immer zuviel heraus.

Dabei hatte er, nicht etwa die Geschäftsführerin oder die anderen Sechsberger von Kurt, in Wahrheit das fliegende Schachbrett mit einem Netz eingefangen.

Gut, es waren zehn junge Zwerge gewesen, die an der Felswand gehangen und Netzte nach dem Schachbrett geworfen hatten.

Allerdings hatten die anderen neun später schimpfend Kurt - und damit auch die Geschäftsführerin verlassen.

Sie behaupteten doch tatsächlich, dass diese Zähleschnell einfach zu viel verlangte und teilweise musste Eselsohr ihnen in Gedanken sogar Recht geben.

Andererseits, irgendwie hatte er sich in Zähleschnell verliebt und er hoffte, dass sie ihren treusten Mitarbeiter eines Tages auch bemerken würde.

**

" Achtung der Emir kommt! "

Zähleschnell und Eselohr verneigten sich demütig.

Emir Zamor von Kurt betrat die Halle, dicht gefolgt von seinem ältesten Wesir.

" Ihr dürft Euch erheben. Weshalb wünschet Ihr mich zu sprechen, Geschäftsführerin? "

" O mein gnädigster Herrscher, ich möchte Euch von einem großen Wunder berichten. Wie Ihr sicher wisst, kann ein normaler fliegender Teppich etwa eine halbe Stunde fliegen,ehe seine Zauberkraft verbraucht ist.

Die Zauberer von Zha-Khyr dagegen haben Teppiche mit denen sie tagelang von einer Ecke unserer Ebene zur anderen fliegen können. "

" Das ist mir bekannt, liebe Geschäftsführerin der Sechsberger.Deshalb baute auch mein Großvater diese Stadt zwischen Felsen und Wüste so nah wie irgend möglich an das Reich der Zauberer von Zha-Khyr.

Doch bis heute haben die Bewohner des Zauberreiches keinen Kontakt mit uns aufgenommen, und ist es leider auch nicht gelungen, die Rochberge zu überwinden und zu ihnen zu gelangen. Also, was soll es? "

" Nun gnädiger Herr, Ihr habt doch sicher auch schon gehört, dass die Zauberer manchmal Schachbretter dabei haben?"

" Natürlich, die berühmten fliegenden Schachbretter. Die Zauberer bewegen die Figuren mit ihren Gedanken. So können sie in der Zeit die sie auf dem fliegenden Teppich herumsitzen, noch mit anderen Zauberern Schach spielen. Wer hat noch nicht davon gehört? " fragte der Emir müde.

" Dann wisst Ihr auch, dass manche der mächtigen Zauberer sehr schlechter Verlierer sind und die kostbaren Schachbretter nach einer Niederlage einfach in die Tiefe schleudern? ", fuhr die Geschäftsführerin triumphierend fort.

" Wir haben so ein Schachbrett in unseren Besitz gebracht. Oh Emir, ist Euch klar, was dies bedeutet? "

" Ehrlich gesagt, nicht so ganz. " ,gestand der Emir gähnend.

" Nun mit Sicherheit werden die Zauberer ihr Schachbrett zurückhaben wollen. Sie wissen wo es ist. Also müssen sie zu uns kommen.

Somit könnten wir endlich mit den Bewohnern Zha-Khyrs in Kontakt treten. Vielleicht können wir gar eine feste Handelsbeziehung aufbauen. "

" Dann tut es doch. ", seufzte der Emir.

" Aber es wäre besser, wenn ein mächtiger Fürst wie Ihr diesen Schritt für uns alle tun würde, nicht so bescheidene Zwerge, wie wir Sechsberger es nun einmal sind. Wir wollen nur ein paar kleine Geschäfte mit den Bewohnern von Zha.Khyr machen,

vielleicht ein kleines Handelshaus in ihrem Reich bauen, und uns ansonsten zurückhalten. "

" Wie bescheiden. ", sagte der Emir freundlich.

" Allerdings fürchte ich, dass es schwierig werden könnte,Geschäfte mit Leuten zu machen, die ständig mit fliegenden Teppichen durch die Luft sausen.

Mir ist das schon zu anstrengend; aber Ihr habt meine Erlaubnis, mich bei diesem wichtigen Geschäft zu übergehen.

Und nun verzeiht, aber ich bin müde, es war gestern eine lange Nacht. "

Zähleschnell Goldzahntochter traute ihren Ohren nicht; sie war noch ganz verblüfft, als Diener des Emirs sie und Eselsohr sanft, aber bestimmt aus dem Saal hinausdirigierten.

Erst draußen vor dem Palast des Emirs kam die Sechsbergerin zu sich und wurde wieder zu der eiskalten Geschäftsführerin, als die sie in ganz Sahuria bekannt war.

" Wenn der Emir nicht will, werden wir Sechsberber eben das das Tor nach Zha-Khyr öffnen! " , rief sie begeistert.

" Hm, übernehmen wir uns da nicht? " , wagte Eselsohr noch fragen.

" Pah, Feiglinge erreichen nie etwas! Unsere Vorfahren wagten auch viel, als sie das Sechsbergereich gründeten, und wir sollten ihnen nicht nachstehen.

Es wird Zeit, dass wir Sechsberger diesen Menschen zeigen, wozu wir fähig sind. "

Eselsohr nickte zustimmend und trottete hinter seiner Geschäftsführerin her.

Er ahnte, dass die nächsten Wochen sehr anstrengend werden würden.

***

Im Keller des Handelshauses der Sechsberger von Kurt schwebte das fliegende Schachbrettund zerrte an seinen Ketten, die es am Boden fesselten.

Die winzigen Schachfiguren schienen geradezu besorgt auf die dicke Kette und die vergitterten Fenster zu blicken.

****

Im Keller des Emir-Palastes schwebten Hunderte von fliegenden Schachbrettern.

Die winzigen Figuren blickten gleichgültig nach vorne,während die Schachbretter im Kreis durch den Keller flogen.

****

Ein paar Räume darüber fragte der Wesir:

" Mein Prinz, warum habt ihr den beiden Zwergen nicht gesagt, dass schon Euer Großvater, ebenso wie auch Euer Vater, solche Schachbretter gefunden hat.

Noch niemals ist deshalb irgendein Zauberer zu uns gekommen. "

" Jeder soll seine eignen Erfahrungen machen.Vielleicht lassen mich diese lästigen Sechsberger ja in Ruhe, während sie auf die Zauberer warten. "

*****

" Jetzt beginnt für uns Sechsberger bald ein neues Zeitalter. ", prophezeite Goldzahntochter und sah zufrieden zu Eselsohr Wasserträgersohn hinüber, der ihr Büro mit einem Besen säuberte.

" Wenn du hier fertig bist, kehrst du den Dreck vom Hof weg, und dann räumst du den Kamelstall auf. Wenn die Zauberer kommen, muss alles perfekt sein. Du wirst arbeiten bis zum Umfallen, aber es ist ja für unseren großen Triumph.

Also beeile dich ein bisschen und etwas mehr Begeisterung, bitte.."

Eselsohr seufzte.

Es war vielleicht doch besser, wenn man weniger erfolgreich darin war, die Wünsche der Geschäftsführerin zu erfüllen.

ENDE