81. Die drei schönen Prinzessinnen
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Die drei schönen Prinzessinnen


(Die Ebene der Sechs Türme

gefunden bei www.internetmaerchen.de

von Anonymus

würfelweltmäßig bearbeitet von Uwe Vitz

Vor einigen Jahren regierte in Süd-Zalad ein Emir namens Mohammed,

den seine Untertanen el Hayzari, den Linkshänder nannten.

Einige Chronisten meinen, man habe ihm diesen Beinamen gegeben, weil er mit seiner linken Hand so gut umgehen konnte wie mit der rechten;

andere aber glauben, daß er alles verkehrt anfaßte und linkisch verpfuschte, was zu regeln gewesen wäre.

Wie auch immer dem sei, sicher ist, daß während seiner Regierungszeit Süd-Zalad von schweren Unruhen und Revolutionen heimgesucht wurde.

Er selbst konnte nie in Frieden leben, und vom Unglück verfolgt oder infolge schlechter Verwaltung wurde er dreimal vom Throne gestoßen;

dabei mußte er sogar bei einer Gelegenheit als Fischer verkleidet bis Sahuria hinüberflüchten, um sein Leben zu retten.

Doch war Emir Mohammed so tapfer wie ungeschickt und führte linkshändig den Krummsäbel so kräftig,

daß er sich nach schweren Gefechten den Thron immer wieder zurückeroberte.

Aber anstatt aus dem Missgeschick zu lernen und klug zu werden, wurde er hartherzig, eigenwillig und halsstarrig und

bediente sich seines linken Armes, um seine Willkür zu behaupten.

Über das Unglück, das er so über sich und sein Reich brachte, berichten dem Forscher die alten Annalen Süd-Zalads;

die hier folgende Geschichte soll nur von seinem häuslichen Leben erzählen:

*

Als dieser Mohammed eines Tages mit seinen Höflingen einen längeren Spazierritt unternahm, begegnete er einem Trupp seiner Leute, der von einem Streifzug durchs

Grenzland nach Zaranda siegesfroh zurückkehrte.

Die Reiter führten einen langen Zug mit Beute schwer beladener Maulesel mit sich; auch sah man viele Gefangene beiderlei Geschlechts.

Unter den Frauen und Mädchen fiel dem Herrscher ein schönes und reich gekleidetes Mädchen auf, das weinend auf einem kleinen Pferd saß,

kaum auf die ihr zur Seite reitende Dienerin hörte und deren tröstende Worte nicht zu verstehen schien.

Der König, von der Schönheit des Mädchens bezaubert, erkundigte sich sogleich nach der Herkunft der Gefangenen.

Der Anführer der Truppe konnte ihm melden, daß es sich um die Tochter des Burgvogtes, einer Grenzfestung handle, die man im Handstreich eingenommen und

dann geplündert habe.

Mohammed forderte das Mädchen als königlichen Beuteanteil und ließ es in den Harem bringen.

Hier tat man alles, um die Auserkorene des Fürsten zu zerstreuen, ihren Kummer zu dämpfen und ihre Stimmung zu heben.

Der närrisch verliebte Emir beschloß daraufhin, das schöne Mädchen zu seiner Gemahlin zu machen.

Die dunkelhäutige Schöne wies anfangs seinen Antrag schroff ab, denn der Bewerber war ein offener Feind ihres Vaterlandes und,

was das Schlimmste war, er zählte nicht mehr zu den jüngeren Jahrgängen, denn Silberlocken umrahmten sein ehrwürdiges Haupt.

Als der Emir sah, daß all seine Bemühungen fruchtlos blieben, beschloß er, mit der Dienerin, die damals mit dem Mädchen gefangengenommen worden war, zu reden,

da diese auf ihre junge Herrin bestimmt einen großen Einfluß ausübte.

Dieser dienstbare Geist war Nubianerin von Geburt; doch kennt man ihren Namen nicht, denn in den zaladischen Sagen nennt man sie immer

»Die kluge Kadiga«, und klug war sie in der Tat, was aus der Geschichte ganz klar hervorgeht.

Der Emir hatte mit ihr eine kurze, geheime Unterredung.

Dabei begriff sie, daß es ihm ernst war, und also machte sie seine Sache bei ihrer jungen Herrin zur ihrigen.

»Schluß jetzt!« rief sie eindringlich, »was gibt es denn da zu weinen und zu jammern? Ist es nicht besser, hier die Herrin zu sein,

in diesem wundervollen Palast mit all den schönen Gärten und Brunnen, als in Eures Vaters altem Grenzturm zwischen nackten Felsen eingeschlossen zu leben?

Daß dieser Mohammed ein Zaladianer ist, was tut dies schon groß zur Sache?

Ihr heiratet ja ihn und nicht sein Volk.

Und daß er alt ist?

Desto eher werdet ihr Witwe und dann Eure eigene Herrin sein.

Auf jeden Fall seid Ihr in seiner Gewalt und habt nur die Wahl zwischen Königin oder Sklavendasein.

Sagt man nicht, es sei immer noch besser, seine Ware an den Räuber zu einem annehmbaren Preis zu verkaufen, als sie sich mit Gewalt nehmen zu lassen?«

Die Vorhaltungen der klugen Kadiga hatten Erfolg.

Das Mädchen trocknete ihre Tränen und wurde die Gemahlin Mohammeds des Linkshänders.

**

Nach angemessener Zeit wurde der Emir stolzer und glücklicher Vater von drei hübschen Töchtern, die alle zur selben Stunde geboren wurden.

Ihm wären wohl Söhne lieber gewesen, doch er tröstete sich mit der Überlegung, daß immerhin drei gleichzeitig geborene Töchter

für einen einigermaßen bejahrten und obendrein noch linkshändigen Mann eine beachtenswerte Leistung wären.

Wie es bei den Königen der Ebene der Sechs Türme Sitte war, rief auch er bei diesem glücklichen Ereignis die bekanntesten Astrologen zu sich und

bat sie, den drei kleinen Prinzessinnen ihr Horoskop zu stellen.

Gerne kamen die weisesten Männer des Reiches dem Wunsch ihres Landesherrn nach, und ernst, mit den gelehrten Häuptern nickend, sagten sie:

»Töchter, o König, sind immer ein unsicherer Besitz; aber diese hier werden deiner Wachsamkeit ganz besonders bedürfen, wenn sie in das heiratsfähige Alter kommen.

Dann nimm sie in deine alleinige Obhut und vertraue sie keinem anderen Menschen an.«

Mohammed, der Linkshänder, wurde von seinen Höflingen und Hofschranzen als weiser Emir anerkannt, und er selbst betrachtete sich auch als einen von Ra gesegneten Landesvater.

Die Prophezeiung der Astrologen verursachte ihm und seinem Hofstaat also wenig Kopfzerbrechen; er traute ihrem und seinem Verstande zu,

die Überwachung der Prinzessinnen zu gegebener Zeit umsichtig, zu organisieren und damit des Geschickes Mächte überlisten zu können.

Die Drillingsgeburt war übrigens die letzte und einzige eheliche Trophäe des Königs.

Seine Gemahlin gebar ihm darauf keine Kinder mehr und starb einige Jahre später,

die jungen Töchter wurden der Obhut seiner Liebe und der Treue der klugen Kadiga überlassend.

***

Viele Jahre gingen ins Land, ehe die Prinzessinnen das von den Astrologen genannte gefährliche Alter der Heiratsfähigkeit erreichten.

"Ein kluger Mann baut vor«, sagte sich der schlaue Emir und beschloß, den Wohnsitz seiner Töchter und ihres Hofstaates nach dem königlichen Schloß Zadamah

zu verlegen und sie dort erziehen zu lassen.

Dieser prächtige Palast stand inmitten einer starken Festung, die vor Jahren einer der zaladischen Fürsten auf den uneinnehmbaren Gipfel eines Berges an den

Ufern der Ostsee hinaufgebaut hatte.

Zadamah war also so etwas wie ein Fruchtkern, von einer harten Schale umschlossen, und unmöglich schien es, mit den Bewohnern des Palastes von außen her in Kontakt zu treten.

Hier oben, fern von Süd-Zalad und den Hofintrigen, den Ränken und politischen Verschwörungen, war eine Art von königlicher Pfalz,

wo die süd-zaladischen Potentaten unliebsame Verwandte einsperrten, die ihnen im Wege standen oder ihre Sicherheit zu gefährden schienen.

Den Bewohnern dieses politischen Sanatoriums wurde übrigens jede Art von Wohlleben und Unterhaltung geboten, in deren

unbeschränktem Genuß sie ihr Leben in üppiger Trägheit und wollüstiger Faulheit hinbrachten, bis sie endlich verfettet ins bestimmt nicht

bessere Jenseits hinüberschlummerten.

Nachdem diese Residenz von vielen Arbeitern und Künstlern zweckdienlich hergerichtet worden war, übersiedelten die drei Prinzessinnen dorthin.

Hier lebten sie von aller Welt abgeschlossen, doch mit ihren Freundinnen und von Sklavinnen bedient, die ihnen jeden Wunsch von den Augen ablasen.

Sie spazierten in den köstlichen Schloßgärten umher, wo die herrlichsten Blumen wuchsen und die Bäume seltene Früchte trugen;

sie spielten in duftenden Hainen und erfrischten sich in wohlriechenden Bädern.

Von drei Seiten schaute die Burg auf ein reiches und gepflegtes Tal nieder, und weit hinten am Horizont leuchteten die Berge ;

in der anderen Richtung ging der Blick aufs sonnenbestrahlte offene Meer hinaus, wo Fischer ihrem schweren Handwerk nachgingen und Kauffahrer dahinsegelten.

Die Prinzessinnen wuchsen in dieser Umgebung unter ewig blauem Himmel im mildesten Klima der Ebene zu wahren Schönheiten heran.

Obgleich alle drei Schwestern die gleiche Erziehung genossen, waren sie in Bezug auf ihre Charaktereigenschaften von klein auf grundverschieden.

Sie hießen Zaida, Zoraida und Zorahaida; und das war auch die Reihenfolge ihres Alters.

Genau drei Minuten lagen zwischen der Geburt einer jeden.

Zaida, die älteste, hatte einen unerschrockenen Geist und war ihren Schwestern in allem voraus,

was sich ja schon bei ihrem Eintritt in diese Welt gezeigt hatte. Sie war neugierig, wissensdurstig, fragte viel und ging den Dingen gern auf den Grund.

Zoraida war eine Künstlernatur von feinem Geist und Gefühl.

Ein besonderer Sinn für alles Schöne und ästhetische zeichnete sie aus, was ohne Zweifel der Grund war, weshalb sie so gern in Spiegeln und Brunnen ihr eigenes Bild betrachtete;

Blumen, Juwelen und kunstvoller Putz ließen ihr kleines Herz rascher schlagen.

Zorahaida wieder war sanft und schüchtern, äußerst empfindsam und dazu von hingebungsvoller Zärtlichkeit.

Mit Liebe pflegte sie Blumen, Vögel und andere Tiere. Sanft und voll Liebe unterhielt sie sich mit ihren Schwestern, und nie sprach sie einen ihrer Wünsche in arrogantem Tone aus.

Sinnend und träumend saß sie oft stundenlang auf dem Balkon und schaute in milden Sommernächten zu den funkelnden Sternen hinauf oder auf das weite,

vom Mond bestrahlte Meer hinaus.

In solchen Momenten konnte ein fernes Fischerlied, der leise Ton einer Flöte oder der Ruderschlag einer vorüber gleitenden Barke sie ganz und gar verzücken.

Der geringste Aufruhr der Elemente aber erfüllte sie mit Schrecken und Angst, und ein einziger Donnerschlag reichte oft hin, sie in Ohnmacht fallen zu lassen.

So gingen ruhig und heiter die Jahre dahin.

Treu erfüllte die kluge Kadiga ihre Pflicht und sorgte unermüdlich für das Wohl der ihr anvertrauten Prinzessinnen.

Das Schloß Zabamah lag, wie bereits erwähnt, auf einem Berg an der Seite des Hügels.

Die Anlage zog sich hin bis zu einem vorspringenden Felsen, der über die See hinausragte.

Die Wellen schlugen sanft auf einen kleinen Strand, dessen Ufersand der Küste jede Rauheit nahm.

Oben auf dem Felsenriff stand ein alter Wachtturm, der zu einem schönen Pavillon umgebaut worden war,

durch dessen vergitterte Fenster die frische Seeluft hereinkam.

Hier verbrachten die Prinzessinnen gewöhnlich die schwülen Stunden des Mittags und schliefen während der Siesta-Zeit dann ruhig und zufrieden.

****

Die neugierige Zaida saß eines Tages an einem der Fenster des Pavillons und schaute übers Meer hin, während ihre beiden Schwestern auf weichen Ottomanen schliefen.

Aufmerksam beobachtete sie eine Galeere, die mit gleichmäßigen Ruderschlägen die Küste entlangfuhr und sich dem Turm näherte.

Bald konnte sie auch feststellen, daß es sich um ein militärisches Fahrzeug handelte, da es mit Bewaffneten bemannt war.

Die Galeere warf unterm Turm beim Felsen Anker, und eine größere Anzahl Soldaten brachten mehrere Gefangene an Land und stellten diese am schmalen Sandstrand auf.

Zaida weckte sofort ihre Schwestern und berichtete ihnen eingehend über den Vorfall.

Alle drei lugten dann vorsichtig durch die dichten Fenstergitter zur Küste hinunter, derart, daß sie von draußen nicht gesehen werden konnten.

Unter den Gefangenen befanden sich drei reich gekleidete Ritter.

Sie standen in der Blüte der Jugend und waren von edlem Aussehen; aus ihrem Wesen sprach Vornehmheit, und stolz schauten sie zu ihren Feinden und Wächtern hinüber,

die auf weitere Anordnungen bezüglich der mit Ketten beladenen Gefangenen zu warten schienen.

Die Prinzessinnen blickten voll gespanntem Interesse hinunter und konnten sich an den schönen jungen Männern nicht sattsehen.

Was Wunder, daß die Erscheinung der drei Ritter aus adeligem Hause ihre jungen Herzen einigermaßen beunruhigte.

Im Schloß kamen sie fast ausschließlich mit weiblicher Dienerschaft zusammen und sahen vom männlichen Geschlecht nur Sklaven und dann und

wann einen Fischer oder einen Soldaten der Küstenwache.

Die etwas arrogante Schönheit der drei hübschen Ritter in der Blüte ihrer Jugend mußte die Prinzessinnen aufs tiefste bezaubern.

»Hat jemals ein edleres Wesen die Erde betreten, als jener Ritter in Scharlachrot?« rief Zaida, die älteste der Schwestern.

»Schau, wie stolz er sich benimmt, als ob alle rings um ihn seine Sklaven wären! «

»Aber seht nur jenen in Grün! « rief Zoraida, »welche Anmut, welche Hoheit, welche Eleganz! «

Zorahaida aber schwieg und verriet ihren Schwestern nichts, doch insgeheim gefiel ihr der Ritter im blauen Gewand am besten.

Die Prinzessinnen wandten von den Gefangenen kein Auge ab, bis sie in der Ferne ihren Blicken entschwanden

Dann seufzten die drei Prinzessinnen tief, drehten sich um, schauten sich einen Augenblick an und setzten sich sinnend und träumend in ihre Ottomanen.

So traf sie bald hernach die kluge Kadiga.

Die Mädchen erzählten ihrer treuen Dienerin, was sie gesehen hatten.

Schwärmend ließen sie ihren Zungen freien Lauf, daß so gar das welke Herz Kadigas rascher zu schlagen begann.

»Arme Jungen! « rief sie aus, »ihre Gefangenschaft und das harte Los, das ihrer harrt, wird manch edlem und schönem Mädchen in ihrem Heimatland großen Kummer

und schweres Herzeleid verursachen!

Ach, liebe Kinder, ihr habt keinen Begriff von dem Leben, das diese Ritter auf ihren Burgen und Schlössern, in Palästen und am Hofe ihres Königs führen!

Welche Pracht bei den Turnieren herrscht, welche Bewunderung von seitens schöner Frauen ihnen entgegengebracht wird.

Und dann dieser Minnedienst mit Liedern und Serenaden!«

Bei Zaida stieg die Neugierde aufs höchste. Ihre Fragen wollten kein Ende nehmen, und nach und nach entlockte sie der alten Dienerin die lebendigsten Schilderungen

von Festen und Spielen, von denen sie gehört hatte.

Die schöne Zoraida richtete sich schnell auf, als Kadiga von den Reizen der westianischen Frauen berichtete,

und ging zum großen Wandspiegel, wo sie sich insgeheim mit kritischem Blick, doch hochzufrieden betrachtete.

Die zarte Zorahaida drückte sich wieder tief in die Kissen auf ihrer Ottomane und seufzte traurig in sich hinein, als von den feurigen Mondscheinserenaden die Rede war.

Jeden Tag kam die neugierige Zaida wieder mit ihren Fragen, und jeden Tag wiederholte die kluge Dienerin ihre Erzählungen, denen die edlen Zuhörerinnen mit größter

Aufmerksamkeit lauschten, und manchmal seufzten sie tränenden Auges dabei.

Endlich merkte die alte Frau, daß sie dabei war, ein großes Unheil anzurichten.

Sie hatte übersehen, daß aus den ihr anvertrauten drei Kindern nunmehr kokette junge Frauen im heiratsfähigen Alter geworden waren,

durch deren Adern heiß das Blut pulsierte und deren Herzen nach Liebe verlangten.

Es wird Zeit, dachte sich die Dienerin daher, daß der Emir benachrichtigt wird, mag er dann verfügen, was ihm richtig erscheint.

Mohammed der Linkshänder saß eines Morgens in einer der kühlsten Hallen des Palastes auf dem Diwan, als ein Bote von der Festung Zabamah in den Thronsaal geführt wurde,

der Kadigas Glückwünsche zum Geburtstag seiner drei Töchter überbrachte.

Die kluge Dienerin sandte dem Emir ein mit Blumen verziertes, feines Körbchen, in dem auf Weinlaub und Feigenblättern gebettet ein Pfirsich, eine Aprikose und eine Nektarine lagen.

Als der Monarch die frischen Früchte im verführerischen Reiz beim Anflug ihrer Reife sah, da erriet er sogleich die Bedeutung dieses Geschenkes.

Ernst geworden, überlegte er sich:

»Die von den Astrologen angedeutete gefährliche Zeit ist also gekommen; meine Töchter sind im heiratsfähigen Alter. Vorsicht ist geboten! Doch was soll ich tun?

Richtig ist, daß sie den Blicken der Männer entzogen sind; daß Kadiga klug und treu ihrer Pflicht nachkommt, auch das ist wahr!

Die Astrologen verlangten aber, daß ich selbst die Mädchen in Obhut nehme und sie keiner anderen Person anvertraue!

Um künftigen Verdruß und Ärger zu vermeiden, muß ich mich ab heute selbst um meine Töchter kümmern.«

*****

So sprach Mohammed und ließ einen Turm auf dem Palast zum Aufenthaltsort der Prinzessinnen ausbauen.

Dann ritt er an der Spitze seiner Leibwache bis Zabamah, um die drei Schönheiten mit Kadiga und dem Hofstaat in höchst eigener Person auf die Königspfalz in Süd-Zalad zu bringen.

Ungefähr drei Jahre waren verflossen, seitdem der König seine Töchter zum letzten Mal gesehen hatte.

Er traute seinen Augen nicht, als er die wunderbare Veränderung gewahrte, die während dieses Zeitraums mit ihrem Äußeren vor sich gegangen war.

Sie hatten in wenigen Monaten jene mysteriöse Grenzlinie des weiblichen Lebens überschritten, welche das wilde, ungezähmte, eckige und gedankenlose

Mädchen von der aufblühenden und selbstständig urteilenden jungen Frau trennt.

Aus Kindern waren Erwachsene geworden!

Zaida war schlank und schön gewachsen, von stolzer Haltung, und unter fein geschwungenen Brauen

leuchteten durchdringend tief schwarze Augen.

Sie traten mit gemessenen Schritten ein und machte vor Mohammed eine tiefe Verbeugung, die mehr dem Emir als dem Vater zu gelten schien.

.

Zoraida war von mittlerem Wuchs, sie hatte ein bezauberndes Wesen.

Sie unterstrich es vorteilhaft durch ausgesuchte Kleidung und geschmackvollen Schmuck und Putz. Lächelnd kam sie auf ihren Vater zu, küßte ihm die Hände

und begrüßte ihn mit einigen Versen aus einem sahurianischen Gedicht, was dem König große Freude bereitete.

Zorahaida war schüchtern und scheu, etwas kleiner als ihre Schwestern, und ihre Schönheit hatte jenen zarten einschmeichelnden Charakter, der Liebe und Schutz sucht.

Sie war keine Herrschernatur, so wie ihre älteste Schwester, auch war sie nicht von blendender Schönheit, wie die zweite; sie schien dazu geschaffen,

sich an die Brust des geliebten Mannes zu schmiegen, verwöhnt zu werden und sich glücklich zu fühlen.

Schüchtern und zögernd näherte sie sich ihrem Vater und getraute sich nicht nach seiner Hand zu fassen, um sie zu küssen.

Erst als sie sein väterliches Lächeln sah, kam ihre Zärtlichkeit zum Durchbruch.

Voll Freude warf sie sich an seine Brust, umarmte und küßte ihn mit kindlicher Liebe.

Mit Stolz, doch auch mit sorgenvoller Verwirrung blickte Mohammed der Linkshänder auf seine Töchter, denn während er sich über ihre große Schönheit freute,

fiel ihm die ernste Prophezeiung der Astrologen ein.

»Drei Töchter! Drei Töchter!« murmelte er mehrmals in seinen weißen Bart hinein, »und alle im heiratsfähigen Alter!

Das sind wahrhaftig lockende Früchte die einen Drachen zum Wächter brauchten! «

Bald hatte er alles geordnet und bereitete seine Rückkehr nach Süd-Zalad vor.

*******

Doch vorher ließ er noch durch königliche Herolde verkünden, daß sich jedermann vom Wege fernzuhalten habe, den der König mit Töchtern und Gesinde nehmen wolle,

und daß beim Herannahen des Zuges Fenster und Türen zu schließen seien, denn die Prinzessinnen sollten niemanden sehen.

Als so alles geregelt schien, brach er auf, geleitet von einem Trupp schwarzer Reiter häßlichsten Aussehens,

deren Rüstungen im Schein der ersten Sonnenstrahlen funkelten.

Auf feurigen weißen Pferden ritten die Prinzessinnen neben dem Vater. Weite Seidenmäntel tarnten ihre wohlgeformten Leiber,

und dichte Schleier verhüllten die so schönen Gesichtszüge der wundervollen Mädchen.

Die Schimmel, auf denen sie im Sattel saßen, trugen samtene Decken, reich mit Gold und Silber bestickt; Kandare, Kinnkette und Steigbügel waren aus Gold,

die seidenen Zügel mit Perlen und Diamanten verziert.

Am Zaumzeug hingen Dutzende von silbernen Glöckchen, deren melodischer Klang das Ohr erfreute.

Aber wehe dem Unglücklichen, der am Wege zögernd stehenblieb, wenn er den wohlklingenden Ton der Silberschellen hörte!

Die Wachmannschaft hatte den strikten Befehl, ihn ohne Gnade niederzuhauen!

Der königliche Geleitzug näherte sich bereits der Königs-Pfalz, als er am Ufer eines Flusses eine Abteilung Soldaten einholte, die einen Trupp Gefangener begleitete.

Schon war es für die Soldaten zu spät, aus dem Weg zu gehen und sich seitlich in die Büsche zu schlagen, wie es befohlen war

. Sie warfen sich also auf den Boden, mit den Gesichtern zur Erde versteht sich

. Ihren Gefangenen befahlen sie, es ihnen nachzutun.

Unter den Gefangenen befanden sich aber auch die drei Ritter, welche den Prinzessinnen vor einigen Tagen im Pavillon zu Zabamah das Herz hatten höher schlagen lassen.

Die Ritter hatten den Befehl des Hauptmanns der Wache wohl nicht verstanden, oder sie waren zu stolz, ihm zu gehorchen.

Aufrecht blieben sie stehen und sahen voll Interesse dem prunkvollen Reiterzug entgegen.

Als Mohammed diese Mißachtung seiner Befehle gewahr wurde, riß er zornig seinen Krummsäbel aus der Scheide, sprengte vorwärts und

wollte gerade einen seiner linkshändigen Streiche führen, der wenigstens einen der trotzigen Gaffer zu Boden gestreckt hätte,

als die Prinzessinnen ihn umringten und für die Gefangenen um Gnade baten.

Sogar die zarte Zorahaida hatte plötzlich ihre Schüchternheit vergessen und setzte sich für die Ritter ein.

Noch hielt der Emir seinen Säbel hoch in der Luft, als der Führer der Wache vor ihm sein Knie beugte und sagte:

»Möge Eure Majestät nicht eine Tat begehen, die im ganzen Reich großen Ärger erregen würde.

Dies sind drei westanianische Ritter aus edelster Familie, die wir nach hartem Kampfe gefangen nehmen konnten; mutig wie Löwen kämpften sie,

und erst als ihre Waffen unbrauchbar geworden waren, ergaben sie sich uns.

Von hohem Adel sind sie und werden Euch ein hohes Lösegeld einbringen.«

Langsam ließ der König die Hand mit der Waffe sinken und rief:

»Nun denn! Ich werde den Rittern hier das Leben schenken! Doch ihre Verwegenheit und ihr Trotz verlangen Strafe.

Bringt sie daher in den roten Turm und weist ihnen die härteste Arbeit an! «

Das war wieder einer der linkischen Streiche, die Mohammed hin und wieder zu machen pflegte.

In dem Aufruhr und dem stürmischen Hin und Her der eben beschriebenen Szene wurde nämlich die außerordentliche Schönheit der drei Prinzessinnen nur

allzu deutlich ins Bild gerückt, da sich bei den raschen und unüberlegten Bewegungen ihre Schleier verschoben und sich

so der Glanz ihrer schönen Augen und ihre zarten Haut enthüllte.

Die Ritter hatten so Gelegenheit, den gütigsten Feen aus Süd-Zalad tief in die Augen zu blicken, was in ihren so jungen Herzen eine lohende Flamme entfachte.

In den damaligen Zeiten verliebten sich die jungen Leute viel schneller als heutzutage, und es darf daher nicht wundern,

daß die junge Männer aus Westania von solche Schönheit zutiefst beeindruckt waren, um so mehr, als sich Dankbarkeit zur Bewunderung hinzugesellte.

Es ist jedoch seltsam und wirklich der Erwähnung wert daß sich jeder von ihnen in eine andere der Prinzessinnen verliebt hatte, die ihrerseits vom adeligen

Auftreten der Gefangenen überrascht waren und alles, was sie von der männlichen Tapferkeit gehört hatten, wie Zauberblumen in ihrer Phantasie auf gehen ließen.

Der Reiterzug setzte seinen Weg fort; die drei Prinzessinnen ritten nachdenklich auf ihren Zeltern dahin, und von Zeit zu Zeit spähten sie mit verstohlenen Blicken

zu den Gefangenen hinüber, in die sie sich so heftig verliebt hatten.

Auf dem Palast angekommen, sahen sie noch, wie die drei Ritter in den roten Turm gebracht wurden.

********

Da kaum begonnene Idyll schien schon zu Ende zu sein.

Die für die Prinzessinnen hergerichtete Wohnung war so vorteilhaft und schön, wie sie nur zaladische Phantasie ersinnen konnte.

Das neue Heim der Königstöchter befand sich in einem Turm, der etwas abseits vom Hauptpalast stand,

doch mit diesem durch die Burgmauer verbunden war, die die ganze Anhöhe umschloß.

Auf der einen Seite, überschaute man von dort das Innere der Festung und sah auf einen hübschen Blumengarten mit den seltensten Gewächsen.

Auf der anderen Seite hatte man die Aussicht auf eine tiefe, schattige Schlucht, die das Gelände von dem des Generalife trennte.

Das Innere des Turms war in kleine, gemütliche Gemächer unterteilt.

Sie waren im feinsten sahurianischen Stil gehalten, und ihre Wände waren mit kunstvollem Zierwerk geschmückt.

Diese wundervollen Kemenaten umgaben eine hohe Halle, deren gewölbte Decke fast bis zur Spitze der Turms hinaufreichte.

Hier konnte man Arabesken, sinnvolle Inschriften, Stuckarbeiten und Stalaktiten bewundern sowie zahlreiche in Gold und glänzenden Farben gehaltene Fresken.

Der Boden war mit weißen Marmorplatten belegt, und in der Mitte stand ein fein gearbeiteter Alabasterbrunnen; duftende Sträucher und Blumen faßten ihn ein,

und schillernde Wasserstrahlen kühlten den Raum, während ihr leises Plätschern ein sanft einschläferndes Geräusch verursachte.

Im Saal hingen Goldkäfige und Bauer aus Silberdraht geflochten, mit den schönsten Singvögeln, deren liebliches Zwitschern und Trillern jedes Ohr erfreute.

Wie man dem Emir berichtet hatte, waren die Prinzessinnen auf Schloß Zabamah immer heiter und guter Dinge gewesen;

so erwartete er natürlich, daß es ihnen in ihrem Feenpalast ganz besonders gefallen werde.

Zu seinem großen Verdruß war das nicht der Fall; sie waren melancholisch, mit allem und jedem unzufrieden und schienen sich über irgend etwas tief zu grämen.

Die Blumen teilten ihnen ihren Duft nicht mit, der Gesang der Nachtigall störte ihre Nachtruhe, und der Alabasterbrunnen mit seinem ewigen Rinnen und Plätschern,

das vom Morgen bis zum Abend und wieder bis zum Morgen dauerte, war ihnen eine Qual und griff ihre Nerven an.

Kurz gesagt, den drei jungen Frauen schien alles lästig zu sein und nichts eine Freude zu machen.

Der König, ein Mann von aufbrausender und tyrannischer Gemütsart, nahm dieses Verhalten anfangs sehr ungnädig auf;

aber bald fiel ihm ein, daß seine drei Töchter ja eigentlich keine Kinder mehr waren, sondern bereits erwachsene junge Frauen,

deren Interesse natürlich nicht durch Spielereien gefesselt werden könne.

»Da gehören jetzt andere Sachen her!« sagte er sich und verschaffte allen Schneidern, Schustern, Webern und Juwelieren,

Goldschmieden und Silberarbeitern des ganzen Süd-Zalads Beschäftigung.

Handwerker kamen und gingen, Kaufleute aus den fernsten Ländern brachten ihre Waren zum Palast,

,Händler zogen reich beladen den Schloßberg hinauf und verkauften dem König ihre Kostbarkeiten.

Der besorgte Vater überschüttete seine gemütskranken Töchter mit Geschenken, nur um sie zufrieden zu sehen und ihren Sinn aufzuheitern.

Es füllten sich die Kemenaten mit Gewändern von Seide, Goldstoffen und Brokat, mit feinen Schultertüchern und Kaschmirschals; auf den Tischen lagen Halsbänder

von Perlen und schwere Goldketten mit klaren Edelsteinen besetzt, auf Samtkissen wieder sah man Armbänder und Ringe; in kunstvollen Fläschchen und Dosen

dufteten wohlriechende Essenzen und milde Salben.

Doch das half alles nichts; die Prinzessinnen blieben bleich, bedrückt und traurig mitten in ihren Kostbarkeiten und glichen drei welken Rosenknospen,

die von einem abgeschnittenen Zweige niederhingen.

Der König wußte nun wirklich nicht mehr, was er anfangen sollte.

Für gewöhnlich vertraute er seinem eigenen Urteil, holte sich bei niemandem Rat und nahm natürlich auch keinen an.

Die Launen und Einfälle dreier heiratsfähiger Töchter indessen reichen hin, um den klügsten Kopf in Verlegenheit zu bringen, und also suchte er zum ersten Mal

in seinem Leben fremden Rat.

*********

Er wandte sich an die erfahrene und kluge Dienerin und sagte zu ihr:

»Kadiga, ich weiß, daß du eine der klügsten und treuesten Frauen auf der ganzen Ebene der Sechs Türme bist.

Dies war auch der ausschlaggebende Grund, daß ich dich immer bei meinen Töchtern ließ.

Väter können in der Wahl solcher Vertrauenspersonen nicht vorsichtig genug sein!

Ich wünsche jetzt von dir, daß du die geheime Krankheit ausfindig machst, die den Frohsinn der Prinzessinnen zum Schwinden brachte und an ihrem Gemüte nagt.

Suche mir ein Mittel, das meine Töchter wieder gesund und froh macht! «

Kadiga versprach, sich der Sache anzunehmen und ihr auf den Grund zu gehen.

In Wirklichkeit wußte sie natürlich mehr von der Krankheit der Prinzessinnen, als die Töchter selbst.

Indessen blieb sie mit ihnen zusammen, ließ sie keinen Augenblick allein und bemühte sich, ihr unbedingtes Vertrauen in der Herzenssache zu erlangen.

»Meine lieben Kinder, warum seid ihr so traurig und betrübt an einem der schönsten Orte der Welt, wo ihr alles habt, was euer Herz begehrt?« fragte sie.

Die Prinzessinnen schauten gedankenlos im Zimmer herum und seufzten dann tief auf.

»Kinder, sprecht! Was fehlt euch denn? Soll ich euch den wunderbaren Papagei bringen lassen, der alle Sprachen spricht und von dem ganz Süd-Zalad entzückt ist?«

»Greulich!« rief die energische Zaida. »Ein häßlich kreischender Vogel, der Worte ohne Gedanken plappert und schnattert.

Nur Menschen ohne Verstand und Hirn können solch ein Tier um sich dulden. «

»Soll ich um einen Affen vom Felsen schicken, damit ihr euch an seinen Possen ergötzen könnt?«

»Ein Affe? Nur nicht. Das hätte gerade noch gefehlt Der Affe ist der abscheulichste Nachahmer des Menschen, häßlich und von widerlichem Geruch.

Mir ist dieses Tier ausgesprochen verhaßt! «

So sprach die hübsche Zoraida mit fester Stimme, die keinen Widerspruch zu dulden schien.

»Und was sagt ihr zu dem bekannten schwarzen Sänger Casem aus dem königlichen Harem?

Man erzählt von ihm, daß seine Stimme so fein sei wie die eines Frauenzimmers«, schlug Kadiga vor

.

»Wollt Ihr uns auf den Tod erschrecken«, sagte die zarte Zorahaida, »alle Freude an der Musik und am Gesang hat sich bei mir vollkommen verloren. «

»Ach, mein Kind, so würdest du bestimmt nicht reden«, erwiderte listig die Alte, »wenn du die Musik gehört hättest, die gestern abend die drei fremden Ritter machten,

als sie nach des Tages Arbeit ausruhten. Erinnerst du dich noch der gefangenen Edelleute, die wir auf unserer Reise trafen?

Aber Ra steh mir bei, Kinder!

Was gibt es denn, daß ihr so errötet und plötzlich vor Aufregung zittert?«

»Nichts! Nichts, gute Mutter; bitte erzählt nur weiter. «

»Gut, wie ihr wollt. Als ich gestern abends bei den roten Turm vorbeikam, sah ich die drei Ritter am Fuß des Turms sitzen und musizieren.

Der eine spielte rührend schön auf der Gitarre, und die beiden anderen sangen zum Klang der Saiten so anmutig und hinreißend, daß selbst die hartherzigen

Wächter bewegungslos dastanden und verzauberten Bildsäulen glichen. Ra möge mir vergeben!

Auch ich konnte mich der Wehmut und der Tränen nicht erwehren, als ich diese Lieder aus ihrer Heimat hörte.

Und dann erst drei so edle und hübsche Jünglinge in Ketten und als Sklaven zu sehen! «

Jetzt wurde es für die gutherzige alte Frau wirklich zuviel. Laut schluchzte sie auf, und große Tränen kullerten ihr über die welken Wangen.

»Vielleicht, Mutter, könntest du es einrichten, daß wir die drei Ritter einmal sehen dürfen«, sagte Zaida.

»Etwas Musik würde bestimmt auch uns aufheitern«, warf Zoraida ein.

Die schüchterne Zorahaida schwieg und sagte gar nichts; doch legte sie liebevoll ihre schneeweißen Arme um den Hals der alten Kadiga.

»Der Himmel bewahre mich vor so einer unsinnigen Tat«, klagte die kluge alte Frau.

»Was schwatzt ihr da, Kinder? Wißt ihr, was ihr da von mir verlangt? Euer Vater würde uns alle töten, wenn ihm so etwas zu Ohren käme.

Gewiß, diese Ritter sind augenscheinlich edle und wohlerzogene Jünglinge; aber was liegt uns daran?

Uns interessieren sie bestimmt nicht!

Auch sind sie Feinde und ihr dürft ohne Abscheu nicht an sie denken.«

Nun gibt es eine bewunderungswürdige Unerschrockenheit und Festigkeit in der weiblichen Willenskraft, die sich weder durch Gefahren noch

Verbote einschüchtern läßt und besonders bei Frauen und Mädchen im heiratsfähigen Alter oft außergewöhnliche Formen annehmen kann.

Die drei Prinzessinnen ließen alle Register ihrer Überredungskunst spielen.

Sie umarmten ihre Dienerin, schmeichelten, flehten, weinten und erklärten, daß eine abschlägige Antwort ihnen das Herz brechen würde.

Was sollte sie tun?

Sie war gewiß die klügste alte Frau in ganz Süd-Zalad und eine der treuesten Dienerinnen des Emirs;

aber konnte sie zusehen, wie drei schönen Prinzessinnen das Herz brach, wie ihre Gesundheit, ihr Frohsinn dahinschwanden?

Kadiga lebte nun schon viele Jahre unter den Zaladiern.

Doch innerlich war sie Nubianerin geblieben, und eine leise Sehnsucht nach der Freiheit, konnte sie nie aus dem Herzen bannen.

Sie sann daher nach, wie man die Wünsche der Prinzessinnen leicht und gefahrlos erfüllen könne, denn ganz so einfach war die Sache nicht.

Die im roten Turm eingeschlossenen Gefangenen standen unter der Aufsicht eines langbärtigen und breitschultrigen Renegaten namens Hussein Baba,

von dem die Sage ging, daß er leicht zu bestechen wäre.

Ihn besuchte Kadiga heimlich, ließ vorsichtig ein großes Goldstück in seine Hand gleiten und sagte mit leiser Stimme:

»Hussein Baba, meine Herrinnen, die Königstöchter, die im Turm dort eingeschlossen sind, kommen vor Einsamkeit um, denn keine Unterhaltung zerstreut sie.

Vor einigen Tagen wurde ihnen von den musikalischen Talenten der drei westianischen Ritter erzählt, und nun möchten sie gerne eine Probe ihrer Künste hören.

Ich kenne dich, alter Freund, und weiß, daß du in deiner Gutherzigkeit den armen Mädchen nicht diese unschuldige Freude versagen wirst.«

»0 du alte Hexe! Fahr zum Teufel mit deinem Ansinnen!

Du willst wohl meinen aufgespießten Kopf von der Spitze dieses Turms heruntergrinsen sehen?

Denn das wäre der Lohn für die Untat, wenn der Emir sie entdeckte oder auch nur dieses Gespräch ihm zu Ohren käme

»

" Aufrichtig gesagt, ich sehe keine Gefahr dabei. Man muß nur die Sache so einrichten, daß die Laune der Prinzessinnen befriedigt wird und

ihr Vater doch nichts davon erfährt. Du kennst die tiefe Klamm außerhalb der Burgmauer; vom Turm der Prinzessinnen sieht man direkt hinunter auf die grünen Hänge.

Bring die drei Ritter dorthin zur Arbeit und lasse sie in den Ruhestunden spielen und singen, und jedermann wird glauben,

daß sie dies zu ihrer eigenen Unterhaltung täten.

Die Prinzessinnen hören vom Fenster ihres Turms aus die Musik und den Gesang, und du kannst sicher sein, daß sie dich dafür gut und reichlich bezahlen werden."

Als die gute alte Frau geredet hatte, drückte sie freundlich die rauhe Hand des Renegaten und ließ noch ein weiteres Goldstück darin zurück.

Einer solch wohlklingenden und so überzeugenden Beredsamkeit konnte natürlich niemand widerstehen, und auch Hassan nicht.

**********

Am nächsten Tag schon arbeiteten die Ritter mit ihren Kameraden in der Schlucht.

Während der Mittagszeit schliefen ihre Unglücksgefährten im Schatten der dicht belaubten Bäume, die drei westianischen Ritter aber

setzten sich auf den weichen Rasen am Fuße des Turms der Prinzessinnen und sangen ein Lied aus ihrer Heimat,

das einer von ihnen auf der Gitarre begleitete.

Die Wachen dösten auf ihren Posten und taten schläfrig ihre Pflicht.

Das Tal und die Schlucht waren tief, und der Turm ragte hoch in die Lüfte, aber die Stimmen der Sänger und der Klang der Gitarre stiegen in der

Stille des heißen Sommermittags bis zu den Fenstern und dem Balkon empor.

Dort lauschten die schönen Mädchen dem Lied, dessen Melodie und zärtlichen Worte sie zutiefst rührten,

denn die Dienerin hatte sie die fünf wichtigsten Sprachen, also auch die Westianische,

so gut und genau gelehrt, daß sie auch die feinsten Tonschattierungen hören, verstehen und fühlen konnten.

Die alte Kadiga tat hingegen furchtbar erschrocken und rief angstvoll:

»Ra behüte uns! Sie singen ein Liebeslied, das an euch gerichtet ist. ja, kann sich jemand eine solche Frechheit vorstellen?

Ich werde gleich zum Aufseher laufen und ihnen einige Peitschenhiebe geben lassen, denn das ist wirklich zuviel! «

»Was solch edlen Rittern willst du auspeitschen lassen, nur weil sie so schön und lieblich singen ?«

Voll Schauder schüttelten die Prinzessinnen ihre hübschen Köpfchen.

Bei all dieser tugendhaften Entrüstung war die Alte versöhnlicher Natur und ließ sich beruhigen und besänftigen.

Zudem schien die Musik ihre jungen Herrinnen wirklich wohltuend zu beeinflussen.

Die Wangen der Mädchen zeigten einen feinen rosa Schimmer, ihre Augen fingen an zu glänzen, und die zarten Lippen schienen zu lächeln.

Die kluge Kadiga dachte also nicht daran, das Liebeslied 'der Ritter zu unterbinden.

Als die letzte Strophe leise verklungen war, blieb alles eine still, nachdenklich schauten die Prinzessinnen vor hin.

Dann aber griff Zoraida nach der Laute und sang lieblicher Stimme leise und gerührt eine hübsche zaladische Weise mit dem vielsagenden Refrain:

»Wenn die Rosenknospe sich auch hinter Blättern birgt, so lauscht sie doch mit Entzücken dem Sang der Nachtigall.«

***********

Von dieser Zeit an arbeiteten die Ritter fast täglich in der Schlucht.

Der gewissenhafte Hussein Baba wurde immer nachsichtiger und von Tag zu Tag schläfriger auf seinem Posten.

Eine Zeitlang bestand ein gar seltsamer Verkehr zwischen Turm und Außenwelt.

Dem gegenseitigen Gedankenaustausch dienten nämlich Lieder und Romanzen, deren Inhalt sich einigermaßen entsprach und d

azu diente, den Gefühlen der Liebespaare Ausdruck zu geben.

Nach und nach zeigten sich die Prinzessinnen auf dem Balkon, wenn sie es, ohne von der Wache gesehen zu werden, tun konnten.

Auch Blumen ließen die Mädchen sprechen, denn alle Beteiligten schienen das Blumenalphabet vorzüglichst zu kennen und zu deuten.

Die Schwierigkeit des Verkehrs erhöhte den Reiz des Liebesspiels und fachte die Leidenschaft der jungen Menschenkinder aufs heftigste an.

Liebe kämpft ja bekanntlich gern, überwindet Schwierigkeiten.

Dieser geheime Verkehr wirkte wahre Wunder.

Die Prinzessinnen wurden froh wie früher, ihre Augen glänzten feuriger als je, neckisch klangen ihre Stimmen, melodisch wie Lauten, Zimbeln und Gitarren.

Niemand jedoch konnte glücklicher sein als der Emir selbst, den diese Veränderung so überraschte, daß er die kluge Kadiga reichlich beschenkte und voll Freude

seine drei schönen Töchter besuchte.

***********

Aber auch dieser fernschriftliche Verkehr hatte eines Tages sein Ende, denn die drei Ritter erschienen nicht mehr au dem Arbeitsplatz unterm Turm.

Vergebens spähten die Prinzessinnen umher, vergebens beugten sie sich weit über den Balkon, um eine Spur ihrer Ritter zu finden,

vergebens sangen sie wie Nachtigallen, vergebens schlugen sie die Saiten.

Keine Stimme antwortete aus dem Gebüsch kein Lautenspiel war zu vernehmen, kein Ritter zeigte sich.

Die kluge Kadiga ging besorgt fort, um etwas über die drei Ritter zu erfahren.

Bald kam sie mit kummervollem Gesicht wieder heim und', erzählte den drei verliebten Mädchen die traurige Neuigkeit, die man ihr mitgeteilt hatte.

»Ach, meine Kinder! Ich sah es voraus, daß alles so kommen würde!

Doch ihr wolltet ja unbedingt euren Willen durchsetzen.

Nun ist das Ende da, und ihr könnt eure` Lauten zerschlagen oder an einen Weidenbaum hängen.

Die Ritter wurden von ihren Familien losgekauft und wohnen nun unten in Süd-Zalad, wo sie ihre Heimreise vorbereiten.«

Untröstlich waren die drei Mädchen, als sie diese Nachricht vernommen hatten.

Die schöne Zaida zürnte ihrem Ritter, daß er ohne Abschied dahin gegangen war, denn diese Geringschätzung ihrer Person konnte sie nicht verschmerzen.

Zoraida rang die Hände und weinte, sah in den Spiegel, wischte die Tränen ab und begann wieder zu weinen.

Die schöne Zorahaida lehnte an der Brustwehr des Balkons, und ihre Tränen fielen hinunter auf den Abhang, wo die Ritter oft gesessen hatten, ehe sie ihre angebeteten

Prinzessinnen so treulos verließen.

Die kluge Kadiga tat alles, um den großen Schmerz zu stillen, der die Mädchenherzen peinigte. So sagte sie oft:

»Tröstet euch, meine Kinder. Das hat nichts zu bedeuten; man muß sich nur daran gewöhnen und sich mit derlei Dingen abfinden.

Das ist eben der Lauf der Welt.

Wenn ihr einmal so alt seid wie ich, dann werdet ihr die Männer schon kennen und wissen, wie man sie zu beurteilen hat.

Diese drei Ritter haben sicherlich in Anataris oder Akonos ihre Bräute oder Geliebten, unter deren Balkon sie bald Serenaden und Ständchen singen werden,

ohne jemals wieder an die zaladischen Schönheiten zu denken.

Deshalb tröstet euch, meine lieben Kinder, und verbannt sie aus euren Herzen, denn Männer sind keine Träne wert. «

Die tröstenden Worte der klugen Kadiga verdoppelten aber den tiefen Kummer der drei Prinzessinnen, die zwei Tage lang nicht aus ihren Zimmern zu bringen waren

und nur still vor sich hin weinten.

Am dritten Morgen nun kam die alte Frau außer sich vor Aufregung dahergelaufen, stürzte fassungslos in den großen Salon und rief voll Zorn:

»Wer hätte einem sterblichen Menschen eine solche Frechheit zutrauen können!

Aber mir geschieht ganz recht, denn nie hätte ich zugeben dürfen, daß euer ehrwürdiger Vater hintergangen wird.

Erwähnt mir also mit keinem Worte mehr die Ritter, diese schlechten Menschen, die mich solcher Art beleidigt haben. «

»Nun, beste Kadiga, was ist denn geschehen?« riefen die drei Mädchen aufgeregt durcheinander.

»Was geschehen ist, fragt ihr? Verrat ist geschehen; oder was fast noch schlimmer ist, zum Verrat sollte ich verleitet, werden!

Mir, der treuesten aller Untertanen, der vertrauenswürdigsten aller Dienerins mutet man zu, daß ich meinen Herrn und König hintergehen könnte.

Ja, meine Kinder, staunt nur!

Die Ritter haben es gewagt, mir vorzuschlagen, ich solle euch überreden, mit ihnen nach`Anataris zu fliehen, um sie dort zu heiraten! «

Bei diesen Worten bedeckte die treffliche alte Frau sich da Gesicht mit den Händen und ließ ihrem Kummer und Zorn freien Lauf.

Die drei schönen Prinzessinnen ihrerseits wurden blaß und rot und rot und blaß, und zitterten, schauten sich verstohlen und vielsagend in die Augen,

sprachen aber kein einziges Wort.

Die alte Frau konnte sich nicht beruhigen.

Heftig bewegte sie sich hin und her, schüttelte die Fäuste und rief von Zeit zu Zeit zornig aus:

»Daß mir eine solche Beleidigung angetan wurde! Mir, der treuesten aller Dienerinnen!«

Endlich trat die älteste Prinzessin, die den meisten Mut hatte und immer die erste war, zu ihr hin, legte ihr die Hände auf die Schultern und sagte liebevoll:

»Nun beste Mutter, angenommen wir wären bereit, mit den drei Rittern zu fliehen. Wäre so etwas überhaupt möglich?«

Die gute Alte hörte bei diesen Worten zu jammern auf und erwiderte schnell:

»Möglich? Wäre das schon! Die Ritter haben schon den Hussein Baba bestochen und mit ihm den ganzen Plan besprochen.

Wer kann aber euren Vater hintergehen, diesen besten aller Könige!

Euren Vater, der so viel Vertrauen in mich setzt! «

Wieder begann die brave Frau zu weinen, und händeringend lief sie im Saale auf und ab.

»Aber dieser beste aller Väter hat nie Vertrauen zu uns gehabt«, rief die älteste Prinzessin selbstbewußt,

»immer hielt er uns wie Gefangene hinter Schloß und Riegel! Nie konnten wir frei hingehen, wohin es uns behagte, nie tun, was wir wollten. «

»Freilich, das ist nur zu wahr«, ließ sich die Alte hören und blieb vor den jungen Damen stehen;

»er hat euch wirklich recht hart behandelt.

Eingeschlossen ward ihr immer und mußtet die schönsten Jahre eurer Jugend in einem alten Turm verbringen,

gleich den duftenden Rosen, die man in einem Blumentopf welken läßt. Aber bedenkt doch, was es bedeutet, aus eurer schönen Heimat zu fliehen! «

»Und ist nicht das Land, das uns aufnehmen will? Werden wir dort nicht in Freiheit leben?

Und wird nicht jede von uns statt des strengen Vaters einen jungen und liebenden Ehemann haben?«

»Freilich, das ist alles wohl wahr, und, ich muß gestehen, er war mit euch wirklich ein harter Tyrann; aber«, und wieder brach der Jammer aus ihr,

»wollt ihr mich dann zurücklassen, allein und verlassen?

Seid sicher, daß sein Zorn und seine Rache mich hier zerschmettert.«

»Doch gewiß nicht, meine gute Kadiga! Kannst du nicht mit uns fliehen?«

"Das wäre wohl möglich; und um bei der Wahrheit zu bleiben, muß ich euch sagen,

daß ich darüber bereits mit Hussein Baba gesprochen habe.

Er versprach, auch mir zu helfen, wenn ich euch auf eurer Flucht begleiten wollte."

» Dann wollen wir es wagen!

»

" Recht hast du!Ich sprach darüber schon mit Hussein Baba; er ist Anatarier von Geburt und übrigens ein freundlicher Mensch.

Vielleicht könnte ich mich mit ihm zusammen tun.

Die drei edlen Ritter drunten in Süd-Zalad sagten hochherzig ihre Hilfe zu und werden uns anständig ausstatten,

wenn wir dann im Heimatdorf eine Ehe eingehen sollten.«

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Kurz und gut, es ergab sich, daß diese außergewöhnlich kluge und vorsichtige Frau mit den Rittern und mit dem Renegaten bereits

den ganzen Fluchtplan entworfen hatte, der nun verwirklicht werden sollte.

Die älteste Prinzessin war sofort einverstanden, und ihr energisches Verhalten bestimmte und beeinflußte wie immer den Willen ihrer beiden Schwestern.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß allerdings gesagt werden, daß die jüngste Prinzessin etwas zauderte und nicht gleich wußte,

was sie machen sollte.

Ihr sanftes und schüchternes Wesen wollte keinen so brüsken Bruch, und allsogleich begann in ihrem kleinen Herzen ein schwerer Kampf,

in dem sich das Gefühl kindlicher Pflicht und jugendlicher Leidenschaft gegenüberstanden.

Wie es schon immer ging, siegte in diesem ungleichen Zwiespalt die Liebe zum fremden Ritter, der Drang nach Gattenliebe.

Still und leise weinend schloß sie sich also ihren Schwestern an und rüstete sich zur Flucht.

Durch den Hügel, auf dem der Palast steht, führte in früheren Zeiten eine große Zahl von unterirdischen Gängen.

Diese bildeten ein wahres Netz von Irrwegen, auf denen der Eingeweihte ungesehen in die Stadt und selbst bis zu den entfernten

Ausfallspforten und Schlupftüren an den Ufern des nahen Flusses gelangen konnte.

Im eigenen Interesse und aus Staatsräson ließen die Emire im Laufe der Jahrhunderte die Felsen durchbohren, und durch diese Gänge liefen sie, wenn Empörer

ihnen nach dem kostbaren Leben trachteten;

aber oft zogen sie auch diese geheimen Wege den öffentlichen Straßen vor, denn heikle Unternehmungen waren nie für jedermanns Auge und Ohr.

Dem Fluchtplan nach sollte Hussein Baba die Prinzessinnen durch einen der genannten Gänge bis zur geheimen Schlupfpforte jenseits der Stadtmauer führen,

wo die Ritter mit schnellen Pferden zu warten versprachen, um alle über die Grenze in Sicherheit zu bringen.

Die vorherbestimmte Nacht kam:

Der Turm der Prinzessinnen war wie gewöhnlich verschlossen worden, und der Palast lag in tiefem Schlummer.

Gegen Mitternacht bezog die kluge Kadiga ihren Horchposten auf dem Balkon und lauschte gespannt in den Garten hinab.

Bald kam Hussein Baba daher und gab das verabredete Zeichen.

Die Dienerin befestigte sogleich das obere Ende einer Strickleiter am Balkon und ließ sie dann vorsichtig in den Garten hinab.

Mit großer Behendigkeit schwang sich die alte Frau über die Brüstung und stieg resolut hinunter.

Ihr folgten klopfenden Herzens die beiden älteren Prinzessinnen. Als aber die Reihe an Zorahaida kam,

da zauderte diese; mehrmals setzte sie ihren kleinen Fuß auf die Leiter, aber ebensooft zog sie ihn wieder zurück.

Ihr Körper zitterte, das kleine Herz pochte heftig, und zögernd blieb die jüngste Königstochter auf dem Balkon stehen.

Sie warf einen kummervollen Blick ins Zimmer zurück, dessen Wandschmuck, Decken und Polster im hellen Mondlicht gleißten.

Wie ein Vogel in seinem Käfig hatte sie im Turm gelebt, sorglos, ruhig und ohne Aufregungen, geborgen und beschützt waren die Tage dahingegangen.

Wer konnte ihr sagen, was geschah, wenn sie frei in die weite Weit hinausflatterte!

Aber schon erinnerte sie sich ihres Ritters , und rasch saß sie auf der Brüstung und setzte den Fuß auf die Leiter. Hinunter wollte sie zu ihm!

Doch da kam ihr der alte Vater in den Sinn, und sie zuckte wieder zurück. Schrecklich war der Kampf, der im Herzen dieses zarten Wesens tobte.

Voll Ehrfurcht liebte sie ihren Vater; beim Gedanken an den jungen Ritter wurde ihr heiß und kalt zugleich, und voll Liebe und Zuneigung

erinnerte sie sich seiner. Aber sie war noch so jung, schüchtern und wußte nichts von der Welt, von Liebe und Familienglück.

Vergebens flehten ihre Schwestern, schalt die Dienerin und fluchte der Renegat.

Das kleine Prinzeschen stand oben am Balkon und schaute zu ihren Schwestern hinunter; sie konnte sich nicht entschließen.

Der Gedanke an die Flucht und die Freiheit lockte sie, doch die Furcht vor ungewissen Gefahren riet ihr zum Bleiben.

Aus der Ferne erschollen nun gar noch Schritte! jeden Augenblick konnte man entdeckt werden!

Rauh rief der Renegat zum Balkon hinauf:

»Die Wachen machen die Runde; wenn wir zögern, sind wir verloren. Steigt augenblicklich herunter, oder wir gehen allein und lassen Euch zurück,

denn keine Zeit ist mehr zu verlieren.«

Zorahaida kämpfte mit sich selbst, und niemand erfuhr jemals, was in diesen wenigen Sekunden im Innern des Mädchens vorgegangen war.

Mit verzweifeltem Entschluß machte sie die Strickleiter los und warf sie in den Garten hinunter.

»Es ist entschieden!« rief sie, »ich kann nicht mit. Ra geleite und segne euch und schenke euch, meine geliebten Schwestern, Glück und Liebe.«

*************

Schaudernd schrien die beiden Prinzessinnen auf und wollten noch zögern.

Sie konnten doch ihre kleine Schwester nicht allein zurücklassen! Die Wache kam aber näher und immer näher, so daß also ein weiteres Warten Selbstmord gewesen wäre.

Wütend stieß der Renegat die drei Frauen in ein dunkles Felsenloch und führte sie kreuz und quer sicher durch unterirdische Gänge, und sie gelangten glücklich an ein eisernes Tor

vor der Stadt.

Hussein sperrte auf, und verabredungsgemäß nahmen sie die drei Ritter, die die Uniform der vom Renegaten

befehligten Turmwache trugen, in Empfang.

Zorn und Trauer überkam Zorahaidas Anbeter, als er sah, daß das schöne Mädchen nicht gekommen war.

Kurz berichtete Kadiga ihm, was sich ereignet hatte, und daß man keine Zeit verlieren dürfe.

Die beiden Prinzessinnen wurden hinter ihre Verehrer gesetzt, und die kluge Dienerin stieg zum Renegaten aufs Pferd; dann sprengten alle im wildesten Tempo zur Küste,

wo ein rettendes Schiff wartete.

Doch bald darauf hörte man von dem

Königlichen Palast her die Alarmzeichen; Hornsignale und Trompetenstöße tönten von den Zinnen des Wachtturms durch die Stille der Nacht.

»Unsere Flucht ist entdeckt worden«, sagte der Renegat.

»Wir haben flinke Rosse, der Mond hat sich verzogen, und die Nacht ist nun stockdunkel.

Wir werden es schaffen! « erwiderten die Ritter.

Sie gaben ihren Pferden die Sporen und jagten durch die Nacht.

Der Renegat hielt an und horchte:

»Bis jetzt ist noch niemand auf unserer Spur; die Flucht zur Küste wird gelingen!«

Aber während er noch sprach, leuchtete auf der Wehrplatte des Bergfrieds der Palastes eine helle Flamme auf.

»Hölle und Teufel! « brüllte der Renegat, »das Leuchtfeuer ruft die ganzen Wachmannschaften in Süd-Zalad auf ihre Alarmposten.

Fort und weiter! Gebt den Pferden die Sporen. Es ist keine Zeit zu verlieren!«

Es war ein halsbrecherischer Galopp. Dumpf tönten die Hufe der Pferde auf dem felsigen Weg.

Von Augenblick zu Augenblick wurde die Lage dramatischer, und nun sahen die Reiter gar, daß von allen Berggipfeln und Hängen Lichtsignale aufflammten,

als Antwort auf die Feuerzeichen von Palast.

»Vorwärts! Vorwärts!« rief Hussein, fluchend dazwischen, »zur Brücke, zur Brücke, ehe das Alarmzeichen dort gesehen wird! «

Scharf ritten sie um eine Felsennase herum und erblickten, die über einen reißenden Wildbach führende Holzbrücke, um deren Besitz sooft Zaladianer und Zarandianer stritten.

Zum Schrecken unserer Flüchtlinge lag der Brückenkopf schon im hellsten Kreidelicht und strotzte von bewaffneten Männern.

Der Renegat riß sein Pferd zurück, erhob sich in den Steigbügeln und sah wie suchend um sich.

Alles dauerte nur wenige Augenblicke, dann winkte Hussein den Rittern und sprengte weiter, doch vom Weg ab, den Fluß entlang.

Nach Minuten stürzte er sich Hals über Kopf und hoch zu Roß in das schäumende Wasser.

Die Ritter ermahnten die Prinzessinnen, sich gut festzuhalten und folgten beherzt ihrem Führer.

Hoch schlugen die Wogen, die Strömung trieb sie weit flußabwärts, und die Gischt durchnäßte sie bis auf die Haut, doch glücklich erreichten sie alle das andere Ufer.

Auf schwer zugängigen und einsamen Pfaden, durch wilde Schluchten und über hohe Pässe führte der Renegat seine Schützlinge aus Süd-Zalad,

und nach schweren Strapazen erreichten sie endlich die Küste, wo sie das rettende Schiff erwartete.

In unserer Eile, um die Flucht der Prinzessinnen quer durch den Strom und über Berg und Tal durchs Gebirge hinauf zu einem glücklichen Ende zu führen,

haben wir die kluge Kadiga ganz vergessen, was nachgeholt werden soll, denn auch ihr Schicksal ist erwähnenswert.

Sie hatte sich beim wilden Ritt über die Vega wie eine Katze an Hussein Baba geklammert, schrie bei jedem Sprung zwar laut auf, entlockte dem bärtigen Renegaten

manchen Fluch, saß aber fest auf der Kruppe hinterm Sattel.

Doch als ihr Reiter ins reißende Wasser setzte, da kannte ihre Angst keine Grenzen mehr.

»Umklammere mich nicht so fest«, schrie der Renegat; »fasse mit beiden Händen meinen Gürtel und fürchte nichts. «

Sie tat wie ihr geheißen und hielt sich am breiten Leibriemen Husseins fest.

Als aber dieser nach dem Höllenritt endlich mit den Rittern auf der Paßhöhe anhielt, um Atem zu schöpfen, da war die Dienerin nicht mehr zu sehen.

»Was ist aus Kadiga geworden?« riefen voll Schrecken die Prinzessinnen.

» Ra allein weiß es! « erwiderte der fromme Renegat.

»Es war ein reines Unglück! Als wir mitten im Fluß waren, löste sich mein Gürtel und Kadiga wurde mit ihm stromabwärts gerissen. Ras Wille geschehe!

Aber es war ein schöner, golddurchwirkter Gürtel von großem Wert. «

Die Reiter hatten natürlich keine Zeit zu langen Klagen und mußten weiter, und die Prinzessinnen beweinten bitterlich den Verlust ihrer treuen Ratgeberin.

jene ausgezeichnete Frau aber verlor nur die Hälfte von den neun Leben, die sie, einer Wildkatze gleicht, besaß.

Ein Fischer zog sie nämlich weiter unten ans Ufer und dürfte über den seltsamen Fisch im Netz wohl gestaunt haben.

Was dann aus der klugen Kadiga wurde, darüber schweigt die Geschichte.

Doch so viel ist sicher, daß die ihre Klugheit abermals unter Beweis gestellt hat und sich niemals mehr in den Machtbereich Mohammeds des Linkshänders wagte.

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Auch wissen wir nicht, was der scharfsinnige Emir tat, als ihm die Flucht seiner Töchter gemeldet wurde.

Es war, wie gesagt, das erste Mal, daß er fremden Rat gesucht hatte.

Und wie schnöde war er hintergangen worden!

Nie hörte man wieder, daß er sich eine ähnliche Blöße gegeben hätte.

Seine jüngste Tochter, die ihm treu geblieben war, ließ er aufs strengste bewachen, und man glaubt, sie habe es bitter bereut, damals nicht mit ihren beiden Schwestern geflohen zu sein.

Dann und wann sah man sie auf den Zinnen des Turmes; müde lehnte sie an der Brüstung und schaute traurig zu der Küste hinüber.

Klagend sang sie zur Laute herzzerbrechende Lieder und beweinte den Verlust ihrer Schwestern und des geliebten Mannes.

Später wurde sie sogar noch von dem berüchtigten Schreckensschah entführt, doch dies ist eine andere Geschichte.

Ende

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